Der Kindergarten der Zukunft hat ein offenes Konzept

Kinder sollen stark werden – starke Kinder können im Leben bestehen, sie halten Widerstand aus, sie unterstützen Andere und helfen dabei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das wünsch ich mir: starke Kinder. Und dieses stark werden können wir als Eltern klar begleiten. Doch auch der Kindergarten leistet einen entscheidenden Beitrag. Der Kindergarten (und die Krippe) sind die ersten Bildungseinrichtungen unserer Kinder. Und Bildung bedeutet für kleine Kinder nicht (nur) auszuschneiden, was andere vorgemalt haben, Gedichte aufzusagen oder brav in der Reihe zu laufen. Bildung für kleine Kinder bedeutet auch: lernen eigene Entscheidungen zu treffen, sich ausprobieren dürfen, eine eigene Meinung zu finden und zu vertreten, für sich selbst verantwortlich zu sein. Stark wird, wer ernst genommen wird.

Und deshalb wünsche ich mir für unser aller Zukunft Kindergärten, die genau das tun: Die Kinder stärken. Immer mehr Kindergärten öffnen sich daher und schreiben sich das “offene Konzept” auf die Fahnen – aber was heißt das eigentlich? Das werde ich in diesem Artikel aufschlüsseln und auch warum ich persönlich finde, alle Kindergärten sollten sich öffnen. Ich schreibe diese Artikel aus Sicht einer Mutter mit Kindern in einer Einrichtung mit offenen Konzept. “Unser Kindergarten” ist aus meiner Sicht ein Beispiel dafür wie Kindergarten sein sollte. Es läuft nicht alles perfekt. Das tut es nirgends. Während meiner Recherche bin ich auf Kindergärten gestoßen, die von sich behauptet nicht offen zu arbeiten, es tatsächlich aber recht stark tun. Und ich bin auch auf “offene” Kindergärten gestoßen, deren Türen zwar offen sind, die aber ansonsten so verschlossen arbeiten wie eh und je. Es ist nicht der Name, der einen Kindergarten “offen” macht, sondern die Einstellung der Menschen darin.

Offenes Konzept – was heißt das eigentlich?

In den 80er Jahren haben die reformpädagogischen Ansätze zum Beispiel von Maria Montessori an Bedeutung gewonnen. Viele Pädagogen wollten nicht länger in den festgefahrenen Strukturen des herkömmlichen Bildungssystems arbeiten. Es hat noch einige Jahre gedauert, aber mittlerweile sehen immer mehr Einrichtungen die Vorzüge der Öffnung der Einrichtung. Das hat viele Facetten: Eine Öffnung der Gruppen, damit sich die Kinder freier entfalten können, eine Öffnung für die Gesellschaft, damit der Kindergarten nicht länger als geschlossenes System, sondern als Teil des allgemeinen Lebens wahrgenommen wird, eine Öffnung für die ErzieherInnen, damit sich diese frei entfalten können und eine Öffnung für die Eltern, damit diese Anteil nehmen und der Kindergarten Teil des Familienlebens wird. Jede Einrichtung, die sich öffnet, setzt ihre Schwerpunkte etwas anders. Allen gemeinsam ist der Wunsch nach mehr Offenheit, nach Transparenz und nach einer Erweiterung des Horizonts. Deshalb kann man das offene Konzept auch nicht von jetzt auf gleich allen Kindergärten überstülpen. Das offene Konzept ist auch nicht ein perfektes System, das für alle passt. Der offene Kindergarten ist ein Prozess.

Einen offenen Kindergarten erkennt man nicht daran, dass die Türen offen sind. Das offene Konzept ist eine Grundeinstellung den Menschen gegenüber. Wer offen ist hat nichts zu verbergen, er hat Weitsicht und ist bereit zu lernen. Das zeichnet für mich den offenen Kindergarten aus.


Kritik am offenen Konzept

Ein entscheidendes Merkmal am offenen Konzept ist, dass die Kinder sich relativ frei nach ihren eigenen Vorlieben in der Einrichtung bewegen dürfen. Sie dürfen selbst entscheiden ob sie drinnen oder draußen, im Atelier oder in der Bibliothek sein wollen. Die Überwachung ist dadurch naturgemäß geringer. Wer sein Kind abholt, muss sich unter Umständen auf die Suche begeben. Das ist für viele Besucher befremdlich. Es wirkt als wären die Kinder nicht beaufsichtigt. Tatsächlich sind die Kinder im offenen Konzept so sicher wie sonst auch. Von den ErzieherInnen erfordert die Freiheit einen großen Weitblick und ein gutes Gespür dafür, welche Kinder oder welche Konstellationen besonderer Beachtung bedürfen.  Der Kindergarten ist im offenen Konzept die Fortführung einer gelungenen Erziehung zu Hause auf der ständigen Suche nach dem richtigen Maß zwischen Freiheit und Reglementierung.

Herrschen im offenen Konzept keine Regeln

Diese Frage höre ich tatsächlich oft. Doch natürlich. Auch im offenen Konzept gibt es Regeln. So wie überall – Regeln sind dazu da, die Umgebung im Kindergarten sicherer und strukturierter zu machen. Wie viele Regeln jeder Kindergarten hat, ist vom Einzelfall abhängig.

Wird für diese Freiheit der Kinder nicht immens viel Personal benötigt?

Nicht unbedingt. Die Grundlage für den offenen Kindergarten ist die Überzeugung, dass Kinder in sich kompetent sind. Die Kinder werden begleitet, wenn nötig und es werden Hilfestellungen gegeben, wenn das Kind es möchte, aber im Endeffekt werden Kinder besonders ermutigt und gestärkt. Sie brauchen, wenn sie nach einiger Zeit sicher im Kindergarten angekommen sind und sich auskennen, viel weniger Betreuung durch Erwachsene.

Kinder brauchen Struktur

Eine große Angst von Eltern ist, dass im offenen Kindergarten nicht genug Struktur herrscht. Die Angst ist nachvollziehbar, das Maß an Struktur hängt aber überhaupt nicht am offenen Konzept. Kinder können im offenen Kindergarten natürlich Struktur erfahren. Mittagessen findet zu bestimmten Zeiten statt und auch Morgenkreis, Mittagskreis etc. widersprichen dem Offenen Konzept in keinster Weise.

Mit 5 Jahren noch nicht schneiden können

Das ist – für mich überraschend – eine Kritik die ich oft höre. Nein, keine Kritik: Ein Vorurteil. Der Grundgedanke ist: Wenn Kinder frei entscheiden dürfen was sie machen, führt das dann nicht auch dazu, dass sie bestimmte andere Sachen nicht tun? Wenn ein Kind also keine Lust hat zu basteln führt das dann nicht auch dazu, dass es nicht lernt zu schneiden oder zu kleben? Mmh.

Zwei Dinge dazu: 1. wenn ich möchte, dass mein Kind etwas tut, was es freiwillig nicht mag, dann muss ich als Eltern es halt selbst mit ihm machen. Schneiden zum Beispiel. Und Punkt 2: ErzieherInnen sind hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Wenn sie merken, dass ein Kind in einem Bereich Nachholbedarf hat, dann können sie das Kind durchaus auch und gerade im offenen Kindergarten dazu anhalten, zu üben. Ein offenes Konzept beinhaltet auch einen engen Kontakt zwischen ErzieherInnen und Eltern. Darauf geh ich ganz unten nochmal ein.


Was jeder Kindergarten schaffen sollte

Ein offenes Konzept: Das klingt erstmal nach einer riesigen Veränderung. Muss es aber gar nicht sein. Kleine Veränderungen in der eigenen Einstellung zu sich selbst und zum Kind bewirken wichtige Schritte zur Öffnung des Kindergartens. Ich finde die unten genannten Punkte sollte jeder Kindergarten so gut wie möglich erreichen. Bei der Erreichung dieser Ziele öffnet sich jeder Kindergarten automatisch. Das “offene Konzept” ist kein Zustand, kein Ziel. Es ist vielmehr ein ständiges Streben nach Gemeinschaft, nach Öffnung, nach Transparenz und nach einer Erweiterung des Horizonts.

Eigenverantwortlichkeit stärken

Jedes Kind kann sich in einem bestimmten Maß um sich selbst kümmern, auf seinen Körper selbst hören, erkennen wie es ihm geht. Möchte ich heute nach draußen gehen oder nicht? Hab ich Hunger? Das und noch viel mehr kann jedes Kindergarten- und auch jedes Krippenkind selbst bestimmen. Kindergärten sollten das wahrnehmen. Erzieherinnen können Kinder auf diesem Weg begleiten. Fragen stellen, Angebote machen und dabei jedem Kind nur so viele Schranken setzen, wie es gerade braucht.

Bedürfnisorientierter Kindergarten

Paul mag am liebsten mit den Bausteinen bauen, Lina liebt es sich kreativ zu beschäftigen und Maja braucht Ruhe, denn sie ist müde und will ihr Buch lesen. Henry dagegen möchte die Verkleidungskiste rausholen. Wäre es nicht wunderbar, wenn jedes Kind einfach das tun könnte was es gerade interessiert?  Und was ist mit Leo – der ist gerade traurig und braucht eine Erzieherin, die seinen Konflikt mit Tom lösen hilft. Emmi dagegen weiß heute gar nichts mit sich anzufangen und braucht ihre Lieblingserzieherin Tanja, die ihr konkrete Vorschläge macht. All diese Kinder sollten spielen und machen können was sie wollen und gleichzeitig einen Erwachsenen haben, der ihnen zur Seite steht.

Ausprobieren dürfen

“So geht ein Engel aber nicht” – “ein Hund ist doch nicht rot!” Wenn sich Kinder kreativ betätigen, sollten wir sie einfach in Ruhe lassen. Sie werden schon selbst wissen, wie sie malen, bauen oder konstruieren wollen. Weniger einmischen, mehr machen lassen, Angebote machen und dann abwarten. Das macht Sinn.

Individuelle Förderung

Jedes Kind ist einzigartig. Der Kindergarten sollte diesem Umstand Rechnung tragen und die Besonderheiten jedes Kindes achten. Manches Kind braucht mehr Ansprache, ein Anderes braucht konkrete Vorschläge. Manche Kinder spielen ruhig zusammen, bei anderen kracht es regelmäßig. ErzieherInnen sollten alle Kinder kennen und sich für ihre Persönlichkeit interessieren. Sie sollten mit den Kindern sprechen und darauf achten, dass keines zu kurz kommt.

ErzieherInnen und ihre besonderen Interessen

Den Wald erkunden, Tipis bauen, Teppiche weben, Kuchen backen, mit dem Hund umgehen. Jede Erzieherin kann irgendetwas richtig gut. Wäre es nicht schön, sie alle hätten den Raum den Kindern in ihrer Einrichtung ihre Begeisterung und ihr Wissen weiterzugeben. Könnten so nicht tolle Projekte entstehen und könnten so nicht die Kinder unter Gleichgesinnten ihren Neigungen gemäß gefördert werden?

Geborgenheit

Wie auch zu Hause so brauchen Kinder auch im Kindergarten einen sicheren Hafen. Jemanden, an den sie sich wenden können und wollen, wenn sie Sorgen haben oder ihnen sonst etwas auf dem Herzen liegt. Im Kindergarten sollten Kinder die Chance haben, sich diese Bezugsperson auszusuchen. Sie sollten von der Erzieherin getröstet werden, zu der sie sich hingezogen fühlen.

Öffnung nach Außen

Kinder sind Teil unserer Gesellschaft. Also ist es auch wichtig, dass sie in der Gesellschaft sichtbar sind. Singen beim Seniorennachmittag, Ausstellungen mit Kunst aus dem Kindergarten, öffentliche Veranstaltungen. Es gibt viele Möglichkeiten wie sich ein Kindergarten öffentlich zeigen und mitwirken kann.

Eltern und ErzieherInnen als Team

Die Gruppentür als Schranke durch die man sein Kind in eine andere Welt bugsiert: so war das früher. Mit der Öffnung des Kindergartens sind ErzieherInnen und Eltern ein Team. Sie tauschen sich aus, sie sind im Gespräch, sie ziehen an einem Strang. Probleme werden offen angesprochen und einzelne Lösungen gesucht. Das äußert sich an regelmäßigen Gesprächen, aber auch an einem freundlichen Umgangston im Alltag. Es äußert sich an Kleinigkeiten wie Wechselwäsche vom Kindergarten und daran, dass man sich kennen lernt um zu erfahren, was den Eltern wichtig ist. Dazu gehört auch das Erkennen von und der Austausch über möglicherweise vorhandene Defizite.


Wir als Eltern

Ich bin gespannt wie sich die Kindergarten-Landschaft entwickelt. Ich habe Hochachtung vor dem Beruf der Erzieherin. Die Männer und Frauen in diesem Beruf sind hervorragend ausgebildet. Wir als Eltern sollten sie als Verbündete wahrnehmen, an einem Strang ziehen und sie darin bestärken, was sie tun. Wir sollten sie wertschätzen und sie um Rat fragen. Vielleicht ist das unser Anteil an der Öffnung der Kindergärten.

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