Foto: Nadine Schittenhelm www.nadine-schittenhelm.de (entstanden bei einem Kindergarten-Shooting 2015)

Dressur an der Wursttheke: Die Sache mit der Höflichkeit

Ob Du bei der Dressur Deines Nachwuchses erfolgreich warst, das merkst Du an der Wursttheke. Das Schauspiel gleicht einem fest einstudierten Theaterstück. Schon während des elterlichen Einkaufes schielt das Kind auf die Theke. Die wohlbeleibte Fleischereifachverkäuferin, lehnt sich schließlich vor und fragt: „Magst Du eine Wurst?“ Die erleichterte Antwort darauf: „Ja“ oder auch nur ein stummes Nicken.

Nun kommt der entscheidende Teil: Die mütterlichen Rippenstöße und ein erstes fragendes Hochziehen der Augenbrauen gepaart mit einem geraunten: „Ja, bitte, heißt das!“ Schon wird die Gelbwurst gereicht. Glückliches Kind. Naja fast, denn nun sind es mindestens drei Paar Augen, die das Kind abwartend anstarren: Die der Mutter, die ihre vorherige Bestellung übrigens grußlos getätigt hatte, die der Verkäuferin, die bis dahin nicht ein einziges mal gelächelt hatte und die einer älteren Dame ganz hinten, die sich bisher vergeblich nach einer Sitzgelegenheit umgesehen und vor lauter Ärger einen vor ihr wartenden Jungen wegen der unverschämten Jugend angepöbelt hat. Sie alle – wunderbare Vorbilder in Sachen Benehmen – starren auf das Kind. „Wie sagt man?“ versucht die Mutter nachzuhelfen. „Danke“ schmatzt das Kind. Alle glücklich. Puh. Das Kind ist höflich. Dann kann man ja weiterhetzen.

Höflichkeit oder Dressur

Aber seinen wir ehrlich: Mit Höflichkeit hat das nichts zu tun und zwar aus mehrerer Hinsicht: Erstens steckt Höflichkeit nicht in einem Wort. Man kann äußerst unhöflich „Danke“ sagen und umgekehrt kann man Wertschätzung auch mit anderen Worten oder sogar nur mit Blicken ausdrücken. Zum Zweiten entwickelt sich bei Kindern erst mit ungefähr vier Jahren echte Empathie. Erst ab da können sich Kinder in andere Menschen hineinversetzen. Erst ab da können sie also tatsächlich höflich sein – nicht auf einmal, sondern schrittweise. Bis hin zu echter Empathie ist es ein langer Weg, den wir Eltern begleiten können in dem wir Vorbild sind.

Wenn Papa sich für das leckere Essen bedankt. Wenn man dem Kind bei täglichen Handlungen den Raum und die Zeit gibt, die es braucht, um Dinge selbst zu machen.  Auch dann, wenn wir uns gemeinsam mit unserem Kind ein Geschenk für Oma ausdenken, weil wir sie so liebhaben. Und wenn Mama voller Anerkennung von anderen Menschen spricht: Dann lernt ein Kind, andere und ihre Leistung wertzuschätzen. Dann lernt es, dankbar zu sein. Aber das ist eben ein bisschen aufwändiger als den Kleinen „Danke“ und „Bitte“ einzutrichtern – das kann man ja zusätzlich machen. Wie einem kleinen Hund das Sitz! und Platz!. Ein bisschen Dressur hat noch niemandem geschadet. Auf den langfristigen Erfolg verlassen würde ich mich nicht. Weder bei Kindern noch bei Hunden.

Und weil wir dabei sind: Danke an Nadine Schittenhelm für dieses schöne Foto!







6 Gedanken zu “Dressur an der Wursttheke: Die Sache mit der Höflichkeit

  1. Ich bin ganz ehrlich. Als ich den Link auf meiner ointerest Pinnwand gesehen hab, habe ich nur draufgeklickt, weil ich sehen wollte, was da wieder jemand für „tolle“ Erziehungstipps hat. Ich hätte niemals erwartet, dass dieser Eintrag tatsächlich auf Vorleben abzielt. Vielen Dank dafür! Und es ist sehr nett, gut und verständlich geschrieben. Ich finde es sehr gelungen! Und der Zusatz, dass manchmal eben doch ein bisschen Dressur oder kleine Schubser in die richtige Richtung (oder fürs Drauf-aufmerksam-machen) ist super, denn manchmal brauchts da einfach doch und es klingt nicht ganz so esoterisch, als was es ja manche abtun. Ich bin ein sehr sehr großer Verfechter von Erziehung durch Vorleben und finde es klappt besser als alles andere. Wenn wir nach Hause kommen, wasche ich eben auch meine Hände. Wieso auch nicht. Wenn meine Kinder vorm Zubettgehen Zähne putzen, bringe sie mir meine auch. Ja, es ist etwas sinnlos, wenn ich danach noch was esse, aber wenn ich gerade nichts zu tun hab, warum nicht? Schadet doch nicht. Man muss eben die eigenen Grenzen ziehen, was man noch mitmacht und ab wann man sich blöd vorkommt, aber wie gesagt, Vorleben klappt am Besten und ohne Gezeter. Vielen Dank für diesen Beitrag!

  2. Du sprichst mir aus dem Herzen. Meine Tochter ist gerade 6 Jahre alt geworden. Vor einem guten halben Jahr war eine „alte Freundin“ meiner Mutter zu Besuch. Meine Tochter hat die meiste Zeit mit den beiden Damen verbracht. Am Abend nahm meine Mutter mich zur Seite und berichtete mir, dass ihre Freundin der Meinung wäre unser Kind wäre unhöflich und nicht erzogen. Sie würde sich nie bedanken und das Wort Bitte würde sie auch nicht kennen.
    Ich war sauer, unser Kind hat den ganzen Nachmittag mit den beiden Damen verbracht, hat sich knuddeln lassen und beide mit ihrer Anwesenheit „befröhlicht“. Sie hat mit ihnen gespielt und ihnen schöne Di ge erzählt, hat ihre geheime Schokokiste mit ihnen geteilt und ihnen beim basteln der Weihnachtskarten geholfen. Vor allem hatte sie Spaß und dies auch mit ihrem Lachen und ihrer Fröhlichkeit gezeigt. Aber diese „alte Freundin“ hat dies alles nicht wahrnehmen können, vor lauter „Höflichkeitswahn“ und einer Idee von Erziehung, die ähnlich, wie Du es beschreibst pure Dressur ist.
    Meine Tochter lernt hier im Haus, wie wir wertschätzen miteinander umgehen und Freunde und Besuch empfangen. Ganz von alleine, durch unser Vorleben, ist sie höflich und respektiert die Menschen um sich herum, was will ich mehr. Schade, dass viele Menschen dies nicht bemerken zu scheinen.
    Liebe Grüße
    Heike

  3. Ossierziehungsmethoden-was für ein cooles tiefgreifendes Wort.. sehr höflich. vielen Dank! EIn bisschen gutes Benehmen macht es den Kindern ( und auch Erwachsenen) einfacher mit Ihrer Umwelt in Frieden und Frohsinn zu leben. Bin seit 13 Jahren in Brasilien- und hier bringt man den Kindern Bitte und Danke sagen auch bei. hab noch keinen gesehen, dem dies schadet! Und man sollte es seinen Kindern schon zeigen und beibringen, wie man Dankbarkeit rüberbringen kann. Und selbst wenn man keine echte Dankbarkeit empfindet, weil das Geschenk vielleicht nicht so der Hit war, kann man trotzdem freundlich zu dem sein, der einem eine Freude machen wollte und sich dafür bedanken. Das macht das Zusammenleben unter den Menschen wesentlich angenehmer, aber da sind die Brasilianer (und viele andere Völker) den Deutschen um 100 Jahre im Voraus.. wir entwickeln uns zurück… menschlich gesehen jedenfalls…

    • Danke für Deinen Kommentar. Wie man es nennt ist ja eigentlich egal. Ossierziehung ist halt sehr verdeutlichend, weil es aussagt, dass es auf blinden Gehorsam und vordergründige Angepasstheit abzielt. Aber stimmt, es ist natürlich auch nicjt gerade freundlich zugewandt, sondern überspitzt. Dass Brasilien uns in Sachen Kindererziehung voraus ist, nun das ist eine These, die ich jetzt nicht unbedingt unterschreiben würde. Aber das hat mit „bitte“ und „danke“ noch am Wenigsten zu tun.
      Du hast Recht: „bitte“ und „danke“ schadet nicht. Man sollte antrainierte Floskeln aber nicht mit echter Höflichkeit verwechseln.
      Liebe Grüße!

  4. „Wie sagt man?“ ist das Allerletzte, hab ich nicht einMal zu meinen Kindrn gesagt und auch nicht zu meinen Enkeln! Schreckliche ossierziehungsmethoden gibt es bei uns nicht. Wenn das Kind Dankbarkeit empfindet, darf es Danke sagen, wenn nich, dann nicht.

    • Oft wird eben leider von Kindern viel zu früh erwartet, dass sie „funktionieren“ wie Erwachsene. Wenn sie noch nicht „danke“ sage, dann einfach, weil sie es noch nicht können. Der Druck auf die Kinder ist wirklich immens. Schön, dass Du das siehst wie ich;-)

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