Doktorspiele oder: Sexuelle Entwicklung von Kindern achtsam begleiten

Vorneweg zur Begriffsklärung: Die sexuelle Entwicklung von Kindern hat nichts mit Sex zu tun, wie wir Erwachsenen es definieren. Gar nichts! Sie ist die natürliche Entwicklung von Kindern, die wir Eltern achtsam und vor allem passiv unterstützen können.

Wir Eltern wollen unsere Kinder schützen. Wir wollen sie schützen vor Missbrauch und auch vor Pornografie. Und wir wollen verhindern, dass unsere Kinder zu Opfern werden. Und das ist gut und richtig. Doch Aufklärung sollte auch noch einen anderen Grund haben, nämlich den die Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung zu stärken.

Leseempfehlung für später: Aufklärung im Kindergartenalter: Was Kinder über Sex wissen sollten

Aufklärung – aber bitte ohne Angst

Wenn Kinder aufgeklärt und vor sexueller Gewalt geschützt werden sollen ist es ein schmaler Grat dazwischen, Kinder zu stärken oder ihnen Angst zu machen. Der Grund warum wir Eltern aufklären liegt schließlich in der Gewaltprävention. Kinder sind damit oft überfordert. Doch die Angst und im Endeffekt die Ablehnung von Körperlichkeit in den Vordergrund zu stellen – das finde ich falsch.

Und deshalb hat mich der Vortrag von Sonja Blattmann und Karin Derks, den ich neulich hören durfte so berührt: Kindliche Sexualität ist natürlich und wichtig und gut. Körperlichkeit sollte nicht angstbesetzt sein. Kinder sollten sich in ihrem Körper wohlfühlen und nicht dauernd darüber nachdenken, was ihnen wer möglicherweise antun könnte.

Der Ursprung der Lust

Schon im Mutterleib kann beobachtet werden, wie Babys sich berühren und es genießen. Berührungen tun Babys und Kindern generell gut. Nach und nach entdecken Kinder später auch ihre Genitalien und beruhigen sich selbst, indem sie sie berühren. Diese Art der Stimulationen sind nicht mit einer erwachsenen Selbstbefriedigung zu vergleichen. Denn kindliche Sexualität funktioniert ganz anders. Ganzheitlicher und nicht zielgerichtet.

Es ist ein Erkunden und Erforschen. Es ist das Entdecken des eigenen Körpers. Ein Weg auf dem wir Eltern unsere Kinder bestärken können. “Das erste Wort, den ersten Schritt, den ersten Brei – das alles bejubeln Eltern, aber wenn ein Kind bemerkt, dass es sich selbst ein wohliges Gefühl machen kann, dann wird es bestenfalls ignoriert”, so Sonja Blattmann. Ein interessanter Ansatz.

Bestärken bedeutet in diesem Fall nicht, dass wir klatschend daneben stehen sollen. Unsere Kinder bestärken wir, indem wir Fragen beantworten, indem wir zuhören, wenn sie davon erzählen und indem wir Körperteile mit den korrekten Namen benennen. Wir sollten wertschätzend auf die Erkenntnis des Kindes reagieren, uns aber gleichzeitig nicht einmischen, nicht bewerten. Kinder brauchen den Freiraum ihre Sexualität selbst zu entwickeln. Sie tun das ganz von selbst.

Die eigenen Grenzen finden

Nur weil ein Kind entdeckt hat, dass es sich selbst anfassen kann und sich das gut anfühlt, muss es das übrigens noch lange nicht überall tun. Der Hinweis, dass man das nur macht, wenn man alleine ist, ist aus meiner Sicht durchaus angebracht. Bei aller gesunder Einstellung zum eigenen Körper: Weder beim gemeinsamen Vorlesen noch an der Supermarktkasse ist das für die anderen Anwesenden angenehm. Größere Kinder ziehen sich dafür ohnehin zurück. Erst mit der Zeit wird Kindern klar, was in welcher Situation angemessen ist und was nicht. Das gilt für sich selbst und auch für den Kontakt mit anderen.

Mein Körper gehört mir – und Deiner Dir

Jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen was die Körperlichkeit angeht. Und das ist in Ordnung: Bei Kindern und auch bei Erwachsenen. Zum Einschlafen die Hand in Mamas Bluse schieben ist vielleicht ok, die Erzieherin im Kindergarten erlaubt es bei sich nicht. Mama am Bauch prusten geht vielleicht zu Hause. In der Öffentlichkeit ist es nicht in Ordnung das Shirt hoch zu heben. In jeder Familie und bei jedem einzelnen gelten unterschiedliche Regelungen und jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen. Dass genau das in Ordnung ist und dass jeder seine eigenen Grenzen selbst bestimmen darf, sendet ein deutliches Signal: Auch Kinder dürfen ihre eigenen Grenzen selbst bestimmen. Wir sind in dieser Hinsicht wie so oft Vorbilder. Wenn Kinder keine Bussis mehr geben wollen – dann müssen wir das akzeptieren! So als Beispiel. Bei medizinisch beziehungsweise hygienisch notwendigen Eingriffen in die Intimsphäre zum Beispiel beim Wickeln oder beim Arzt gilt es ebenso achtsam zu sein.

Bibi und die Sache mit der Unterhose

Doktorspiele

Wenn Kinder ihren eigenen Körper erkunden und nach und nach bemerken, dass sie Junge oder Mädchen sind, beginnen sie auch sich für das zu interessieren, was andere “in ihrer Unterhose” haben. Es folgt das, was wir Erwachsenen “Doktorspiele” nennen. Rollenspiele sind für Kinder ab vier Jahre quasi Alltag. Sie spielen Vater, Mutter, Kind oder auch Einkaufen. Beim Doktor spielen kommt dazu, dass sich die Kinder gegenseitig auch (teilweise) nackt sehen. Kinder kennen dieses Szenario aus ihrer Lebenswirklichkeit beim Arzt. Logisch, dass das interessant sein kann.

Doktorspiele sind also ein wichtiger Schritt beim Entwickeln ihrer eigenen Sexualität. Doch es gibt ein paar Regeln zu beachten, die Eltern ihren Kindern mitgeben sollten.

Doktorspiele gehen zu weit, wenn:

  • bei einem der Kinder keine Freiwilligkeit herrscht
  • sexuelle Handlungen aus der Erwachsenenwelt nachgespielt werden (auch Zungenküsse oder das Hineinstecken von Gegenständen in Körperöffnungen)
  • einer der beteiligten Kinder Geheimhaltungsdruck ausübt
  • Kinder physisch oder verbal verletzt werden oder sexistische Ausdrücke verwendet werden
  • Rollen erstarrt sind (zum Beispiel ein Kind immer der Doktor ist)

Weil Erwachsene bei diesen Spielen immer ausgeschlossen werden, sollten wir Eltern achtsam sein und bestimmte Regeln vereinbaren.

Fünf Regeln, die wir Kindern vor Doktorspielen mitgeben sollten

  1. Mein Körper gehört mir
  2. Wer ein komisches Gefühl hat, sagt NEIN! Und Nein heißt Nein!
  3. Wir spielen das Unterhosen-Guck-Mal-Spiel nur mit Gleichaltrigen
  4. Wir tun uns nicht weh und keiner steckt jemandem etwas in eine Körperöffnung
  5. Wer ein komisches Gefühl hat, holt einen Erwachsenen zur Unterstützung

Sonja Blattmann und Karin Derks haben übrigens ein herrliches, kindgerechtes und unbeschwertes Hörbuch für Kinder auf den Markt gebraucht: Bibi und die Sache mit der Unterhose. Kuscheltiere streiten und diskutieren darin lustig und gleichzeitig ernsthaft darüber,wer in des Bibers Unterhose schauen darf. Auch für Erwachsene nett und erfrischend.

Ich kann es wärmstens empfehlen.

Auch die weiteren Bücher der beiden Autorinnen und Präventionsexpertinnen zum Lesen und Hören sind wunderbar:



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