Esslernlöffel

Ich musste ja schon lachen, als ich davon gelesen hatte: Ein Esslernlöffel. Das ging als meine Kinder Babys waren völlig an mir vorbei…. Es handelt sich um einen Löffel, mit dem das Kind leichter essen lernen soll. Na ich weiß ja nicht. Bisher ist irgendwie jedes Essen irgendwann im Kind gelandet. Mit den Fingern, mit der Gabel, mit etwas Kreativität sollte das klappen, oder? Also ist der Esslernlöffel eine sinnvolle Sache oder nur ein Marketinggang? Oder vielleicht sogar echt schädlich? Meine heutige Gastautorin Elli schreibt gerne ihre Meinung.

Elli und der Esslernlöffel

Um ein Kind großzuziehen braucht es ein Dorf. Das ist ein sehr bekanntes Sprichwort. Da die wenigsten von uns heutzutage ein ganzes Dorf als Erziehungshelfer hinter sich stehen haben, sind findige Menschen unentwegt damit beschäftigt, den Alltag mit Kind angenehmer zu gestalten. Es gibt abwaschbare Lätzchen, Lerntürme, Trinklernbecher, und viele tolle Sachen mehr. Also wirklich, wirklich tolle Sachen. Eine davon: Ein Esslernlöffel.

Ein „guter“ Rat

Jedem dieser Sachen kann man einen gewissen Nutzen oder auch Unnutzen zuschreiben. Worauf die Einen schwören, ist für Andere ein Rotes Tuch. Als mein Kind also nun zu essen anfing, war ich, wie wahrscheinlich jede Erstmutter, froh über jeden guten Ratschlag. Und als ich eines Tages in Schwiegermutters Küche stand und fröhlich über die ersten Versuche des Babys, den Löffel zu halten, erzählte, kam wie aus der Pistole geschossen: “Ihr braucht einen Esslernlöffel!“ Nun gut. Was ist das?

Der Esslernlöffel

Gut gemeinte Ratschläge lehne ich niemals per se ab (obwohl ich eher geneigt bin, dies bei einem „das musst/brauchst du!“ von vornherein kritischer anzugehen). Nachdem ich mich mit so etwas noch nicht befasst hatte, fragte ich natürlich, was das sei. Es stellte sich heraus, dass das ein Esslöffel ist, der einen etwa 30° Knick aufweist. Dieser soll es dem Kind einfacher machen, den Löffel zum Mund zu führen. Sehr viel mehr ist es nicht. Die meisten werden mir beipflichten, wenn ich sage, dass die ersten Versuche, selbstständig zu
Essen durchaus wenig grazil anmuten lassen und man irgendwann froh ist, wenn das Essen nur auf dem Boden landet. Man findet es einfach überall: Tisch, Kleidung, an dir, in der Windel, am Hund,.. nur nicht im Kindesmund. Die Anatomie unserer Lieblinge ist ehrlich gesagt noch das geringere Problem. Kurze Arme, ein riesiger Kopf, wie soll man da vernünftig und im richtigen Winkel und auch noch waagrecht Essen, das lose auf einem Löffel liegt, in den Mund bugsieren? Und genau dort setzt die ungewöhnliche Form des Löffels an. Der Weg zum Mund ist durch die Biegung verkürzt, das Kind muss sich nicht so verrenken. Es ist vielleicht schneller erfolgreich und lernt wahrscheinlich schneller, Selbstständig zu essen. Zumindest mit diesem Löffel.

Wie sinnvoll ist der Esslernlöffel?

Ihr werdet von mir weder lesen, dass ich dazu, noch dass ich davon abrate. Aber um Sinn und Unsinn dieses Gadgets habe ich mir Gedanken gemacht. Das einzig Vorteilhafte an einem solchen Löffel sehe ich darin, dass es tatsächlich den Weg in den Mund einfacher macht. Und somit unseren Alltag vielleicht erleichtert, weil man nicht nach jeder Mahlzeit das Interieur mittels Hochdruckreiniger wieder säubern muss. Ich gönne mir jedoch den Luxus absoluter Gelassenheit. Dann putze ich einfach nach jedem Essen den Boden, Kind, Möbel, mich und den Hund. Ich bin in der günstigen Position, in Elternzeit, ohne weiteres Kind, in Zeiten einer Pandemie zu leben. Demnach ist mein Tag nicht wirklich sehr verplant. Das kann oder will aber nicht jeder – verständlicherweise. Was in meinen Augen ein zusätzliches Manko ist, ist das doppelte Lernen. Wieso soll mein Kind es vielleicht zuerst leichter haben, es zu erlernen, sich einige Monate später aber wieder umgewöhnen? Das erschließt sich mir ebenso wenig, wie „Schreiben nach Gehör“, aber da gibt es qualifiziertere (und besser bezahlte) Menschen, die das beurteilen sollen.

Was wirklich schlecht ist am Esslernlöffel

Wie das häufig so in der Kommunikation mit meiner Schwiegermutter läuft, hat sie ein „Ich sehe da keinen Sinn drinnen“ etwas flexibler interpretiert und eines Tages lag dieses Teil vor mir. Der Mann hat es von ihr mitgebracht. Sie hat es ja nur gut gemeint, in ihren Augen ist das nämlich eine unverzichtbare Hilfe für mein Kind. Nun, da das Corpus delikti nun schon wider meiner Erwartungen seinen Weg zu uns fand, habe ich es mir dann mal angesehen. Meine Befürchtungen, dass das nichts für uns ist, wurden nur noch weiter bestätigt. Denn nun fiel mir etwas auf, was mir tatsächlich Bauchschmerzen bereitete. Dieser Löffel ist ausschließlich mit der rechten Hand bedienbar. Zumindest dieses Modell.

Kein Raum für individuelle Entwicklung

Ich habe bei meiner Recherche immerhin in beide „Richtungen“ ausrichtbare Exemplare gefunden. Aber in einem Alter, in dem sich die Händigkeit manifestiert hat, kann mein Kind hoffentlich bereits sicher mit Besteck umgehen. Ich bin selbst Linkshänder. Ich weiß durchaus, was das bedeutet. Und hoffe insgeheim für meine Tochter, dass sie es nicht wird. Als Rechtshänder ist das Leben eindeutig einfacher. Von den immer wieder ach so witzigen Sprüchen („Ah, ein Linksdatsch!“) über die Bedienung von Alltagsmaschinen bis hin zu Verallgemeinerungen, weil Linkshänder anscheinend etwas furchtbar Exotisches sind. Aber ändern kann und werde ich nichts daran, noch werde ich mein Kind in eine Händigkeit zwingen versuchen. Das verstehe ich darunter, die Entwicklung meines Kindes nicht negativ zu beeinflussen. Sie soll selbst entscheiden wann sie welche Hand benutzt.

Für alle, die meine Befürchtungen und Sichtweisen nicht teilen, kann dieser kleine Alltagshelfer vielleicht eine wahnsinnige Erleichterung sein. Das soll jeder selbst entscheiden. Ich habe diesem Ding nicht einmal die Chance geben, sich zu beweisen. Dafür schien mir das Geld, auch wenn es nicht das Meine war, einfach zu schade.

Die Autorin

Elisabeth Link ist 31 Jahre alt, verheiratet, Medizinische Fachangestellte und im zweiten Jahr in Elternzeit mit ihrem Wunderbaby (15 Monate). Sie lebt mit ihrer Familie an der rheinland-pfälzischen Grenze zu Hessen, zwischen Taunus und Westerwald.

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