Wenn Kleinkinder beißen

Wenn Kleinkinder beißen: So gehst Du souverän damit um

Mein Sohn hat im letzten Jahr ziemlich viel gebissen. Wenn er irgendwo durchwollte, wenn ihm jemand nicht das gegeben hat, wonach er verlangt hat und manchmal auch, wenn er sich nicht verstanden fühlte. Ganz vorbei ist die Phase immer noch nicht. Und wenn er seine Zähne fletscht nimmt seine Schwester immer noch Reißaus. Aber es wird schrittweise besser. Als ich mal ein Foto einer Bisswunde auf instagram gepostet habe, haben sich so viele andere Mütter gemeldet, deren Kinder auch kleine Beißer sind. Und auch Steffi hat mich angeschrieben. Als Diplompädagogin und Familiencoach kennt sie sich aus und so kommt es dazu, dass ich heute sehr stolz meinen ersten Gastbeitrag verkünden darf: Ich präsentiere feierlich: Stefanie Wenzlick  vom Blog „Emmali Blog – entspannt erziehen und glücklich leben“ und ihren Artikel:

Kinder, die beißen, sind nicht „böse“

Manchmal passiert es. Manchmal schubst, haut oder kreischt ein Kind zwischen 2 und 5 nicht nur, sondern es zwickt oder beißt sogar. Und schon ist es passiert. Andere Mütter machen deutlich, dass das so nicht gehe, dass etwas getan werden müsse, dass dies unter keinen Umständen noch einmal passieren dürfe.

Geschah es im Kindergarten wird nicht selten umgehend ein ernstes Gespräch mit den Eltern des „aggressiven“ Kindes geführt. Und die Eltern des Kindes fühlen sich beschämt und unsicher und können gar nicht verstehen, wie ihr Kind so etwas tun konnte.

Kommt dir das bekannt vor? Hat dein Kind schon einmal gebissen?

Ich möchte dir heute ein bisschen Mut machen und dich beruhigen. Natürlich ist es für das gebissene Kind bzw. den gebissenen Elternteil alles andere als angenehm oder positiv. Es tut weh und es sollte gemeinsam ein Weg gefunden werden dies in Zukunft zu verhindern. Vorwürfe, Strafen, Ausgrenzen oder Ausschimpfen werden dies aber wohl eher nicht schaffen. Ebenso wenig, wenn die Eltern des beißenden Kindes unter Druck gesetzt werden dies sofort abzustellen. Wie denn auch? Ein Kind ist doch keine Maschine mit Ein- und Aus-Schalter. Ein genauer Blick, Verständnis und Hilfestellung sind hierbei, v.a. auf lange Sicht, die deutlich bessere Wahl. Warum beißt ein Kind denn? Weil es böse und aggressiv ist? Weil es unbedingt jemanden verletzen will? Wirklich?

Hinter dem Beißen steckt keine böse Absicht

Die meisten Kinder im Alter von 2-5 Jahren können sich verbal noch nicht richtig ausdrücken. Sie können nicht diskutieren, ihren Standpunkt deutlich machen, ihre persönlichen Grenzen verbal aufzeigen. Sie können noch nicht wie Erwachsene (oder zumindest die meisten Erwachsenen) ihre Gefühle sachlich ausdrücken und dabei „vernünftig“ bleiben.

Und wenn ein Kind dann tagtäglich hört, dass es dies und das noch nicht kann oder darf, dass es wieder einmal nicht mitspielen darf oder dass es sein Spielzeug teilen soll, dann wird es frustriert. Es wird wütend. Und manchmal, wenn all diese Situationen und Gefühle geballt auftreten, sehen diese Kinder keinen Ausweg mehr, wissen nicht wie sie ihre persönlichen Grenzen, ihr „Nein“ oder ihren Frust ausdrücken sollen. Also bleibt nur noch eine Strategie übrig, die körperliche, und so schlagen oder beißen sie. Denn diese Handlung bewirkt etwas, sie setzt ein Stopp; endlich sehen auch die anderen, dass hier etwas nicht stimmt.

Besser nach der Ursache forschen als sofort zu bewerten und zu strafen

Doch leider neigen die anwesenden Erwachsenen dann dazu, das Kind sofort zu bewerten, zu verurteilen und auszuschimpfen, ohne genau hinzusehen, was denn zu dieser Handlung bzw. diesem Verhalten geführt hat. Welches Bedürfnis dahinter steckt, das nicht gesehen oder ignoriert wurde.

Dabei ist Ausschimpfen, Strafen und einen Stempel aufdrücken (z.B. das Kind ist aggressiv, hat kein Benehmen, ist böse usw.) genauso negativ wie das Beißen selbst. Noch dazu wird dem Kind dadurch vermittelt bzw. mitgeteilt, dass es nicht um Hilfe rufen darf. Denn genau das tut es mit einer derartigen Verhaltensweise. Es ist in innerer Bedrängnis, niemand bemerkt es und so beißt oder haut es eben. Dies tut es allein für sich, um einen Ausweg aus der jeweiligen Situation zu schaffen; es tut es nicht gegen das andere Kind, um es zu verletzen, sondern um sich selbst zu schützen.

Sei schlau und schau genau

Egal, ob dein Kind nun selbst gebissen hat oder gebissen wurde: sich nur auf das Verhalten (also das Beißen) zu konzentrieren, es abzulehnen und zu verbieten, wird wenig Erfolg haben. Für alle Beteiligten, Eltern und Erzieher ist es auf lange Sicht wesentlich erfolgreicher und positiver, zu hinterfragen, wie es dazu kam. Nicht, indem das Kind wütend oder anklagend, nach dem „Warum“ gefragt wird, sondern indem sich die Erwachsenen selbst Folgendes fragen:

  • Welches Bedürfnis steckt dahinter?
  • Welche Hilfestellung kann ich dem Kind geben, um seine Gefühle zu benennen und zu regulieren?
  • Werden bei uns (zuhause oder im Kindergarten) die sog. negativen Gefühle zugelassen?
  • Wie können wir gemeinsam mit unseren Kindern die Fähigkeit entwickeln mit den oft widersprüchlichen Gefühlen umzugehen ohne andere zu verletzen?

 

Mir ist bewusst, dass dies nicht immer leicht ist, weil auch wir Erwachsenen von vielschichtigen Dingen im Außen und Innen geleitet werden, wie z.B. den Erwartungen der Gesellschaft an uns und unser Kind (konsequent sein, höflich, angepasst, leise usw.), sowie unsere eigene Erziehung.

Und natürlich haben gerade die Eltern Sorge, dass das eigene Kind vielleicht immer so ein Verhalten zeigen wird, Nachteile dadurch erfahren oder im schlimmsten Fall später ein Schlägertyp werden wird. Doch diese Ängste sind in diesem Zusammenhang unbegründet und du kannst sogar aktiv etwas dagegen tun, indem du die Integrität deines Kindes wahrst und seine Resilienz stärkst (mehr dazu auf meinem Blog).

Mein Rat für dich

Wenn dein Kind sich also auf dem Spielplatz, im Kindergarten oder dir selbst gegenüber aggressiv verhält, dann halte inne und schau genau hin, was es dir damit sagen will. Womit kommt es aktuell nicht alleine zurecht, womit ist es vielleicht gerade überfordert oder fühlt es sich vielleicht in die Ecke gedrängt?

Biete ihm deine Hilfe an, verbalisiere seine Gefühle und übe alternative Wege mit ihm ein um seinen Frust auszudrücken. Dies alles ist ein Lernprozess für euch beide und nach und nach wird dein Kind andere Wege finden Wut, Frust usw. auszudrücken. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass du deinem Kind möglichst wertfrei gegenüber trittst, seine Gefühle ernst nimmst und annimmst.

Ich hoffe der Artikel hilft dir ähnliche Situationen etwas weniger negativ zu bewerten und dein Kind mit seinen negativen Gefühlen und seiner Wut besser anzunehmen. Ich wünsche dir jetzt alles erdenklich Gute für dein Familienleben und würde mich freuen dich auf meinem Blog oder in einem meiner Online-Kurse wieder zu treffen.

Herzliche Grüße

Steffi

Zur Person:

Steffi ist Erziehungswissenschaftlerin, Mütter- bzw. Elterncoach und selbst 3-fache Mama. Auf ihrem Blog „Emmali Blog – entspannt erziehen und glücklich leben“ findest du viele Erziehungstipps, Inspirationen für Mütter und besondere Empfehlungen für ein positives Familienleben. Neben den Blog-Artikeln und kostenlosen Downloads, bietet sie auch Online-Videokurse und individuelle Coachings an.

 

5 Gedanken zu “Wenn Kleinkinder beißen: So gehst Du souverän damit um

  1. Hallo Anne,
    ich weiß jetzt nicht wie alt dein Kind ist. So wie du es schilderst scheint es wie eine Kontaktaufnahme, also wie ein “Hallo, da bin ich”. Um das zu verändern, braucht dein Kind deine Anleitung, ruhig und ohne zu schimpfen. Zeig ihm, wie es anders Kontakt aufnehmen kann, greif sanft ein, wenn es beginnt hinzulaufen und zu beißen und zeig und sag ihm “Ach, du willst Hallo sagen? Schau mal, versuch es mal so und so…”
    Das wirst du einige Male machen müssen bis dein Kind es nach und nach umsetzen wird. Wichtig dabei ist tatsächlich, dass du ausgeglichen bist, wenn du das tust und nicht verärgert.
    Alles Gute
    Steffi

    • Hallo,
      Danke für die schnelle Antwort.

      Mein “Beißer“ ist 3 und seine Schwestern 5 Jahre sowie 7 Monate.

      Sie spielten bisher super miteinander, doch seitdem er in der Kita zu den “Großen“ gewechselt ist, passiert es öfter, dass er aus heiterem Himmel zubeißt, oder boxt.

      Eifersucht kann es auch nicht sein, denn jeder der 3 hat seine Alleine-Mamazeit.
      Und ausgeglichen scheinen sie auch…

      Wenn ich dann frage “warum beißt du jetzt, bist du ein Mensch oder Hund“ hilft das ein wenig…er denkt zumindest darüber nach und er gibt 2-3 Tage ruhe.

      Viele Grüße
      Anne

  2. Hallo
    Ja das hilft wirklich weiter

    Das es während des Spielens ein “nichtweiterwissen“ ist, ist mir bewußt, aber was run, wenn das Beißen vorsätzlich passiert?

    Wenn ein Kind rein kommt, und sofort in den Arm oder Rücken eines anderen Kindes beißt, welches ruhig und für sich in einer Ecke spielt und das Reinkommen des “Beißers“ noch nicht einmal bemerkt hat?

    Das habe ich noch nicht raus bekommen.

  3. Lieber Lucas,
    ja, dasselbe gilt für spucken, was aufgrund des “Ekelfaktors” noch negativer von der Umwelt gesehen wird. Habt Geduld und sprecht mit ihm kurz, freundlich und klar, weshalb Spucken so negative Reaktionen auslöst und haltet euch dann an oben genannten Tipp. Alles Gute für euch und danke für die positive Rückmeldung zum Artikel.
    Steffi

  4. Danke dafür!
    Mir war das eigentlich schon alles bewusst, doch so vieles rutsch wieder aus dem Bewusstsein heraus und dann wird geschimpft, getadelt und gedroht. Wie schäme ich mich nun dafür. Aber solche wertvollen Beiträge helfen mir wirklich weiter.
    Eine Frage: gilt das auch fürs Spucken? Mein Sohn spuckt zur Zeit für sein Leben gern und wir müssen gerade sehr viel Geduld aufbringen, diese Freude oder diese Ausdruckskraft in ihm zu akzeptieren.

    Beste Grüße

    Lucas

Schreibe einen Kommentar