gesunde Haut

Neurodermitis: Ursache, Behandlung und Leben mit der Krankheit

Zartbesaitete Menschen sollten den ersten Abschnitt über die Neurodermitis überspringen. Denn das Geräusch geht durch Mark und Beine.  Die Leute nennen es kratzen, aber damit hat es Wenig zu tun. Was mein Sohn mit seiner Haut macht, ist nichts für zarte Nerven. Er reißt daran, er gräbt mit seinen Fingernägeln bis Haut- und Fleischfetzen über das Gesicht verschmiert sind. Blut läuft ihm dann über die Wangen. Wenn seine Hände nicht zur Verfügung stehen, dann reibt er auf der Matratze. Er reibt und reibt, bis die Haut ganz heiß und schließlich aufgerissen ist. Das alles passiert innerhalb von Sekunden, wenn ein Schub kommt. Denn mein Sohn hat Neurodermitis. Es ist Absicht, dass ich kein Foto von ihm zeige, während er einen Schub hat. Keiner von Euch würde gerne ein Foto von sich in diesem Zustand im Internet sehen.

Mit Hautproblemen hatte ich bisher nie zu tun. Ein bisschen Creme drauf und fertig ist der Lack – alles wieder heile. So einfach stellen es sich die Meisten vor. Und ich gebe es zu: Ich habe auch gedacht, dass es ungefähr so funktioniert. Tut es aber nicht. Eine erste Idee davon, dass die Sache vielleicht etwas komplexer ist, habe ich bekommen, als ich das erste Mal vom Verdacht Neurodermitis bei meinem Sohn hörte. Mittlerweile ist es gewiss: Er leidet an dieser äußerst nervtötenden Hauterkrankung. Nur ein Haut- oder speziell ausgebildeter Kinderarzt kann sie feststellen und auch nur Ärzte können die richtige Therapie verordnen. Trotzdem will ich Euch gerne an unseren Erfahrungen teilhaben lassen.

Was ist eigentlich Neurodermitis?

Nach einem Jahr mit verschiedensten Arztbesuchen, mit unterschiedlichen Therapien und unzähligen Stunden Recherche, bin ich der Erkenntnis was die Neurodermitis für uns bedeutet einen entscheidenden Schritt näher. Fest steht: Die Frage: “woran liegt es denn nun?” lässt sich einfach und schwer zugleich beantworten. Die einfache zuerst: Grund für die Neurodermitis ist eine gestörte Barrierefunktion der Haut. Die gesunde Haut kann Feuchtigkeit speichern und muss nicht gecremt werden. Die Haut eines Neurodermitikers hat diese Fähigkeit nicht oder nur eingeschränkt. Somit trocknet sie aus. Gleichzeitig können leichter als bei gesunder Haut Keime eindringen. Entweder durch die Keime oder auch durch einen Schub entzündet sich die Haut. Manchmal schwillt sie an, manchmal nässt sie oder blutet. Dass die Haut diese Barrierestörung hat ist ein Fehler der Natur. Und nun fängt der spannende  oder auch schwierige Teil an. Bei jedem Neurodermitiker sind es andere Faktoren, die einen Schub – also eine Reaktion der Haut – auslösen können. Bei meinem Sohn war es lange Milcheiweis (auch über die Muttermilch) und Stress. Ja, auch Babys können Stress haben: Wenn Mama bei der Autofahrt nicht sofort rausfährt, wenn irgendwas nicht passt, wenn einem ein neuer Zahn juckt oder wenn man sich gestoßen hat. Das alles kann heftige Schübe auslösen. Doch da ist jeder Mensch anders. Der Körper ist komplex, was man verträgt oder nicht kann sich ständig wieder ändern, Auslöser können Lebensmittel, Stoffe, das Wetter, Stress und vieles mehr sein. Auch ist es möglich, dass die Kombination verschiedener Faktoren erst zum Schub führt. Bei vielen gibt es auch keine Ursache beziehungsweise die auslösenden Faktoren werden nie erkannt. Das herauszufinden ist ein anstrengender, spannender und langer Weg.

Die Behandlung:

Maßgabe Nummer 1: Ganz viel Pflege! Aber womit? Es gibt nicht nur verschiedene Stufen der Trockenheit in denen Lotionen (wasserreich), Cremes (fetthaltiger) oder Salben(am fettigsten) mit unterschiedlichen Wirkstoffen angesagt sind, sondern auch unterschiedliche Ekzeme, die behandelt werden müssen. Einige Basics kann aber auch der Laie beachten. Eine Liste der Präparate, die sinnvoll sind oder wir schon benutzt haben, findet ihr hier. Auch was meinem Sohn bei einem akuten Schub hilft, habe ich Euch da beschrieben.

Langfristige Hilfe:

Der Punkt an dem ich mir von Anfang an unsicher war, ist: Wie viel Chemie ist wirklich sinnvoll? Ich schreibe Euch gerne meine Gedanken dazu und einiges, was ich recherchiert habe, ich bin aber kein Arzt! Es gibt im Wesentlichen zwei Auffassungen: Der Heilpraktiker und mein gesunder Menschenverstand hatten mir gesagt: Ich darf die Schwierigkeiten nicht einfach weg-cremen. Mit starken Cortison-Produkten und Antibiotikum sind die Beschwerden kurzfristig weg. Das Grund-Problem wird damit aber nicht gelöst. Außerdem sagt mir mein Gefühl: Da ist irgendetwas im Körper, das raus will. Die Wunden meines Sohnes nässen stark. Wenn ich dem den Weg über die Haut versperre, sucht es sich vielleicht einen anderen Weg. Zum Beispiel die Lunge (Asthma). Diese Annahme wird mir vom Kinderarzt in einer Spezialklinik bestätigt. Der Stoff, der im Körper zu einer Überreaktion des Immunsystems führt oder führen kann heißt Histamin. Manche Menschen können diesen Stoff schwerer abbauen als andere. Außerdem wird er bei allergischen Reaktionen ausgeschüttet. Ist zu viel Histamin im Körper schlägt er Alarm – bei manch einem über die Haut, bei anderen über die Lunge oder über den Verdauungstrakt. Irgendwo kommt es raus, wird es unterdrückt, sucht es sich einen Weg. Wie bei einem Topf, auf den man einen Deckel drückt. Erhöht sich der Druck und drückt man den Deckel dagegen, wird der Topf irgendwann explodieren. Das ist die eine Auffassung.

Die zweite ist, dass Menschen, die zu Neurodermitis neigen, deren Haut also empfindlich ist, auch zu Überreaktionen der Schleimhäute neigen, also leicht auch Heuschnupfen und Asthma entwickeln. Diese Annahme, die wohl am ehesten als schulmedizinische Sicht bezeichnet werden könnte, geht also davon aus, dass man die Intensität in der man später einmal Allergien hat, nicht mit Cremes in der Kindheit verstärken kann. Es wird vielmehr dazu geraten, die Haut mit Cortison und so weiter ruhig zu stellen, damit die Hautbarriere intakt bleibt und es nicht zu Entzündungen kommt oder Allergene eindringen. Zwei sich widersprechende Empfehlungen, denen Eltern neurodermitiskranker Kinder früher oder später begegnen. Damit verbunden ist die Grundfrage: Wie entscheide ich mich? Welchen Weg schlage ich ein? Ein Mittelweg, der für mich in der Regel der Beste ist, ist schwierig zu machen, wir haben es dennoch versucht.

Unser Weg:

Unser erster großer Anlauf einer Heilung hat uns in die Hautklinik Erlangen geführt. Vorher hatten wir natürlich mit Globuli, Kuhmilcheiweisdiät (der stillenden Mutter) und so weiter kleinere Linderungen erzielt. Doch der Zustand meines Sohnes wurde trotzdem stetig schlechter. In der Klinik dann wurde unser Sohn mit Advantan – einer starken Cortison-Salbe “sauber” gecremt. Die Krusten verschwanden und sein Gesicht war zum ersten Mal seit langem mit zarter Haut bedeckt. Je mehr das Präparat abgesetzt wurde, desto mehr waren die Probleme zurück. Das zu wiederholen hätte sicher kurzfristig geholfen, aber ich wollte unbedingt herausfinden, ob es etwas gibt, was mein Sohn nicht verträgt. Wenn ich ihm zu viele Medikamente gebe und damit die Reaktionen seines Körpers unterdrücke, kann ich mögliche Auslöser nicht erkennen. Daher haben wir es sanft versucht: Ein Urlaub am Meer, abwarten, milchfreie Babynahrung – nichts hat wirklich geholfen. Im Mai waren wir dann vier Wochen in einer Kurklinik. Seither verzichten wir nicht nur auf Kuhmilch, sondern auch auf Schaf- und Ziegenmilch. Das, und auch die Bäder im Meerwasser und die salzige Luft haben eine immense Verbesserung bewirkt. Die dort verwendeten Salben findet ihr auch in meiner oben genannten Liste. Nun im Sommer geht es immer besser. Der Bub verträgt sogar Milchprodukte. Ich glaube, dass die Sonne einen entscheidenden Beitrag leistet. Ist das Wetter schlechter und wir gehen weniger raus, sieht man das sofort auf seiner Haut. Ich bin auf den Winter gespannt. Aber ich seh es so: Es gibt Schwierigkeiten im Leben und da muss man durch. Im Leben meines Sohnes werden es nicht die letzten Hürden sein. Wenn weitere kommen, wird er aber wissen, dass man Schwierigkeiten meistern kann und an ihnen wächst. Wir werden lernen müssen, mit der Krankheit zu leben.

 

4 Gedanken zu “Neurodermitis: Ursache, Behandlung und Leben mit der Krankheit

  1. Hallo Kafharina,

    Ich leide selbst seit Geburt an an Neurodermitis und von meinen drei Kindern hat es leider die Jüngste auch abbekommen.
    Ich kann nur deine Annahme bestätigen, mein Hautbild und das meiner Tochter ist im Sommer um einiges besser als im Winter. Sicherlich tut die trockene Heizungsluft ihr weiteres, dass die Haut im Winter viel mehr “arbeiten” muss als im Sommer.

    Ich wünsche euch alles Gute und dass ihr einen guten Weg findet.

    LIebe Grüße

    Cara

  2. Liebe Katharina, vielen Dank für deinen Artikel und dass du deine Erfahrungen mit Neurodermitis hier teilst. Erst vor ein paar Tagen habe ich auf Twitter nachgefragt ob es eine Bloggerin gibt, bei der ich reinlesen könnte und keiner kannte eine. Und jetzt habe ich dich doch über einen anderen Artikel gefunden. Bei meiner Jüngsten (3) ist die Neurodermitis jetzt erst so richtig mit Eintritt in den Kindergarten gekommen. Vielleicht auch ein Stressfaktor oder eben wie du schreibst der Winter. Ihr Onkel hatte Neurodermitis als Kind, also das mit der Veranlagung ist auf jeden Fall gegeben. Einen Hautarzt-Termin haben wir jetzt erst im Januar und dann gleich eine Kur, ursprünglich aus einem anderen Grund beantragt, in der wir erstmal Allergien klären können. Würde mich freuen mit dir im Austausch zu bleiben. Und wünsche dir und deinem Sohn alles Gute mit der Neurodermitis. Oft ist es ja wirklich so, dass sie im Alter wieder weg geht oder zumindst rückläufig wird.
    Liebe Grüße
    Ella

    • Hallo Ella, ich bin Dir gleich mal bei Twitter gefolgt😎. Dann verpassen wir uns nicht mehr. Ich freu mich, wenn wir uns austauschen!
      Liebe Grüße! Katharina

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