Aufklärung im Kindergartenalter - Interview mit Präventionsexpertin Sonja Blattmann

Aufklärung im Kindergarten: Wieviel sollten Kinder über Sex wissen

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Im Kindergartenalltag hat das Thema Aufklärung einen festen PLatz

„Mein Körper gehört mir!“ und „Meine Gefühle sind richtig und wichtig“. Für die Kinder im Kindergarten Arche Noah sind diese Sätze mittlerweile ganz selbstverständlich. Die Einrichtung hat sich Aufklärung und damit auch den Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt besonders auf die Fahnen geschrieben; und sollte dabei für viele Andere Vorbild sein. Das Thema geht uns alle an. „Wir wollen unsere Kinder stärken und erreichen, dass sie sich ihre Gefühle bewusst machen“, so Kindergartenleiterin Susanne Noë. Ein großes Ziel.

Hilfe von Profis für mehr Aufklärung

Um dem Ganzen Struktur zu verleihen, hat sich der Kindergarten professionelle Hilfe geholt. Autorin und Präventionsexpertin Sonja Blattmann sensibilisiert gemeinsam mit Geschäftspartnerin Karin Derks Eltern und singt und spricht mit den Kindern über ein Thema, das Viele im Kindergarten noch gar nicht verorten würden, das aber unbedingt schon die Kleinsten angeht. Im Interview mit Kinderleute erklärt die Expertin, warum Aufklärung im Kindergartenalter unbedingt dazugehört und wie kindgerechte Aufklärung aussehen kann.

Sonja Blattmann im Interview: Kinderleute: Frau Blattmann, Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit?

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Sonja Blattmann: Vor 20 Jahren gab es noch ganz wenig Materialien, die sich spielerisch und angstfrei dem sensiblen Thema sexualisierte Gewalt gewidmet haben. Mein Ziel war es, solche Materialien für Kinder von 4-10 Jahren zu schaffen. Da ich selbst lange im pädagogischen Bereich tätig war, weiß ich wie wichtig ein frühes Angebot zur Persönlichkeitsstärkung ist. Mädchen und Jungen in ihrem Selbstwertgefühl und ihrer inneren Stimme zu stärken, kann zur Entfaltung eines Frühwarnsystems in Risikosituationen beitragen. Ein Kind, das über seinen Körper Bescheid weiß, kann sich besser vor unangenehmen Berührungen und Grenzüberschreitungen schützen. Mein Ziel ist es daran mitzuarbeiten, dass Prävention vor sexualisierter Gewalt und das Wissen und Handeln bei sexuellem Missbrauch und anderen Kindeswohlgefährdungen in allen Bildungsbereichen verankert und als selbstverständlicher Ansatz der eigenen pädagogischen Arbeit im Alltag verstanden wird.

Kinderleute: Stichwort Aufklärung: Wieviel sollten Kinder über Sex wissen?

Sonja Blattmann: Mit der Vermittlung von Schutzbotschaften zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt ist die Fähigkeit über die eigene Sexualität überhaupt sprechen zu können elementar verbunden. Wenn Sexualität ein Tabuthema ist, gelingt es Tätern oder Täterinnen noch eher mit Schweigegeboten und anderen Manipulationstechniken wie z.B. Schuldzuschreibungen oder Angstphantasien zu arbeiten. Kinder, die eine Sprache für Sexualität haben, ihre Körperteile benennen können, haben klare Vorteile. Mädchen und Jungen, die ihre Sinne, ihr Körpergefühl, ihre kindliche Lust und Neugierde als eine Quelle von Selbstbewusstsein kennenlernen, reagieren aus dem Bauch heraus klarer und selbstverständlicher, wenn ihre Körpergrenzen verletzt werden. Das macht nicht nur selbstbewusst, sondern stärkt auch das Recht auf sexuelle und körperliche Selbstbestimmung. Beides sind Grundlagen und Fähigkeiten, die in Kinder Widerstandskräfte mobilisieren, wenn ihre Grenzen verletzt werden.

Kinderleute: Wann ist der richtige Zeitpunkt für Aufklärung?

Sonja Blattmann: Viele Eltern fragen sich, wann sie anfangen sollten mit der „Aufklärung“. Dabei erschweren häufig Bilder aus der erwachsenen Sexualität den Zugang. Es geht bei der Begleitung der eigenen Kindern und deren psychosexuellen Entwicklung jedoch um weit mehr als die pure Wissensvermittlung, wie die Babys in den Bauch kommen und wieder heraus. Deswegen macht es Sinn mit einer sexualfreundlichen Erziehung nicht erst in der Pubertät zu beginnen, sondern sie im Alltag von Anfang an als wertschätzende Haltung zu vermitteln.

Kinderleute: Wie hängt Selbstbewusstsein und sexuelle Selbstbestimmung zusammen?

Sonja Blattmann: Wertschätzung heißt in diesem Fall:

  • Neugierige Fragen der Kinder ernstnehmen und gemeinsam nach Antworten suchen
  • Die Eigenart als Mädchen oder Junge wahrzunehmen und anzuerkennen
  • Neugierde und kindliche Lust als Zeichen von seelischer und körperlicher Gesundheit zu betrachten.

Das stärkt das Selbstwertgefühl eines Kindes mehr als die offene oder unterschwellige Vermittlung, dass Sexualität irgendwie schmutzig oder sogar gefährlich ist. Es gibt neben den persönlichen Antworten auf die vielen neugierigen Fragen der Kinder viele einfühlsame Materialien um über den eigenen Körper und Sexualität ins Gespräch zu kommen.

Zum Beispiel Ihre Bücher: Mein erstes Haus war Mamis Bauch: Eine Geburts(tags)geschichte mit Liedern für Mädchen und Jungen oder auch Ich bin doch keine Zuckermaus: Neinsagegeschichten und Lieder in denen Aufklärung kindgerecht gestaltet wird.

Kinderleute: Was können Eltern tun, um die Selbstbestimmung ihrer Kinder zu stärken?

Sonja Blattmann: Kinder, die auch in nahen Beziehungen „Nein“ sagen dürfen, wenn es um Berührungen geht, die ihnen unangenehm sind, fällt es in ihrem gesamten Alltag leichter zu den eigenen Grenzen zu stehen. Sie entwickeln eine Vielzahl an gesunden Widerstandsformen und entwickeln sich trotzdem nicht zu notorischen Nein-sagerInnen. Gerade weil der Widerstand anerkannt ist, besteht eine große Freiheit alles zu genießen wofür es eindeutige „Ja-Gefühle“ gibt. Ein Oma-Kuss schmeckt doppelt so gut, wenn er freiwillig und voller Freude geteilt wird. Kinder lernen im Alltag den Umgang mit Nähe und Distanz. Die Grundlage dazu bilden die eigenen Antennen für Gefühle und Grenzen und das Vertrauen, dass ein selbstbestimmtes Verhalten nicht bestraft wird sondern wertgeschätzt. Sätze wie: „Ich freue mich, dass du es gerade geschafft hast Nein zu sagen und deinem Gefühl zu vertrauen! Das gibt mir als Mama oder Papa ein gutes Gefühl dafür, dass du dich gut schützen kannst.“

Kinderleute: Wie wichtig sind Geheimnisse für Kinder?

Sonja Blattmann: Ab ca. 5 Jahren bekommen Geheimnisse für Kinder einen ganz besonderen Zauber. Sie bedeuten größere Autonomie Erwachsenen gegenüber. Kinder bilden Geheimbanden, haben Geheimverstecke und können ein Geheimnis auch schon mal für sich behalten. In der Prävention gegen sexualisierte Gewalt sind der Schutz vor Manipulation und Geheimhaltungsdruck ein wichtiger Bestandteil; denn Täter und TäterInnen arbeiten natürlich genau mit diesen Strategien. Es ist es wichtig, dass Kinder gute Geheimnisse von solchen zu unterscheiden lernen, die ihnen Druck oder Angst machen. Kinder verstehen den Unterschied aufgrund der unterschiedlichen Gefühle sofort.

Aufklärung im Kindergarten
Nur wer sich seines eigenen Körpers bewusst ist, kann Gefühle einordnen lernen – über Geheimnisse, Vertrauen und die Wahrheit

Kinderleute: Wie bringen Sie Kindern bei zu entscheiden, welche Geheimnisse sie teilen sollten?

SB: Ein gutes Geheimnis kribbelt im Bauch, ein schlechtes Geheimnis drückt und macht Angst.

Ein gutes Geheimnis will gehütet werden und ist wie ein Schatz. Vielleicht geht es um ein Geschenk oder eine Überraschung, die nicht verraten werden soll. Die Spannung und das Gefühl etwas Besonderes miteinander zu teilen schafft Zusammengehörigkeit und Intimität.

Ein schlechtes Geheimnis macht Gefühle von Angst und Druck und wird als bedrohlich erlebt. In vielen Gewaltbereichen wird von Seiten der Täter und Täterinnen mit Manipulation und Geheimhaltungsdruck gearbeitet. Kinder dürfen wissen, welchen Unterschied es zwischen guten Geheimnissen und Geheimhaltungsdruck gibt. Schlechte Geheimnisse dürfen weiter erzählt werden. Das ist Hilfe holen und kein Petzen! Die Unterscheidung von guten und schlechten Geheimnissen hilft Kindern nicht nur beim Schutz gegen sexualisierte Gewalt, sondern auch in vielen anderen Alltagssituationen wie beispielsweise Mutproben.

Kinderleute: Wie können es Eltern schaffen, dass ihre Kinder sich mit ihren Sorgen und Ängsten an sie wenden?

Sonja Blattmann: Wichtig ist die elterliche Zusage dass Kinder alles erzählen dürfen ohne Strafe befürchten zu müssen – egal was ihnen passiert ist oder wo sie mitgemacht haben. Eltern dürfen trotzdem ihre Position beziehen. Sie ist je nach „Geheimnis“ sogar dringend notwendig. Nur so gelingt es Kindern glaubhaft zu vermitteln, dass sie sich mit allem anvertrauen dürfen.

Vertrauen Kinder ein schlechtes Geheimnis einer Bezugsperson an, steht an erster Stelle die Bestätigung, dass es gut und richtig ist über Geheimnisse, die nicht gut tun zu reden. Bei erlebter sexualisierter Gewalt entlastet es die Kinder wenn sie hören, dass sie nicht Schuld sind am Erlebten, sondern die, die die Grenzen übertreten haben. Oft finden sexuelle Übergriffe jedoch auch unter Kindern und Jugendlichen statt. Schnell entwickelt sich aus einem Spiel das im Spaß angefangen hat ein ernstes Szenario. Kinder und Jugendliche befinden sich in solchen Situationen in der Rolle der passiv Ertragenden oder in der Rolle der aktiv Ausführenden. In jedem Fall brauchen sie Hilfe. Den Gesprächsfaden im hektischen Alltag nicht abbrechen zu lassen ist eine hohe Kunst.

Jüngeren Kindern hilft ein Einschlafritual. Nach dem Vorlesen einer Wunschgeschichte wird noch einmal gemeinsam überlegt, was an dem Tag richtig schön war und was auch nicht. Alles was ärgerlich war oder gemein wird in eine Fantasierakete gepackt und mit einem Raketenstart weit weg geschickt.

Kinderleute: Was sollte im Kindergarten geschehen, um die Kinder zu stärken?

Sonja Blattmann: Weil Kinder im Kindergarten mitten in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung stecken, sind sie besonders empfänglich für die Schutzbotschaften einer präventiven Erziehung. Immer geht es darum Mädchen und Jungen in der Wahrnehmung und im Ausdruck ihrer Gefühle und Grenzen zu stärken. Gute von schlechten Geheimnissen unterscheiden zu können und den Mut zu haben selber zu helfen oder für sich selbst und andere Hilfe zu holen.

Das Ganze mit einer guten Portion Körperwissen, Lebensfreude und Humor. Diese Ansätze können Kinder bereits im Kindergarten stärken. Mit Liedern, Geschichten und einer Vielzahl anderer kreativer Methoden. Prävention funktioniert nur gemeinsam. Dort wo präventive Haltungen vermittelt werden, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, im Verein, in der Kirchengemeinde – können Widerstandskräfte gegen sexualisierte Gewalt wachsen und Kinder erleben mehr Schutz. Deshalb sind alle Institutionen, die mit Kindern leben und arbeiten gefordert entsprechende Schutzkonzepte zu entwickeln. Jedes 12. Kind erlebt nach neuesten Studien Formen sexualisierter Gewalt. Kinderschutz fordert von Anfang an die Verantwortung der Erwachsenen für ein gewaltfreieres Miteinander.

Meine Lieder und Geschichten, unsere Arbeit mit dem MuT-Zentrum, die Arbeit mit den Eltern und die immer wieder erfrischenden Erfahrungen aus der direkten Arbeit mit den Kindern sollen diesen Prozess fördern. Wir als MuT-Zentrum freuen uns immer wieder wenn wir singend mit „In mir wohnt eine Sonne“ von den Mädchen und Jungen empfangen werden und erleben wie stärkend Kinderschutz wirkt.

Buchempfehlungen mit schönen Geschichten und eingängigen Liedern:

3 Gedanken zu “Aufklärung im Kindergarten: Wieviel sollten Kinder über Sex wissen

  1. Das ist ein super wichtiges Thema, was leider in unseren Umkreis noch sehr viel als tabu angesehen wird . Unsere Töchter 4 j und 1 j Versuch ich so offen wie möglich zu erziehen. Ich wünsche mir und allen Eltern, nie das Vertrauen ihrer Kinder zu verlieren .

  2. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt stell ich mir die letzte Zeit immer öfter. Garnicht so leicht wenn man eine Jungs-Mama ist und in eigenem Elternhaus die Erziehung zu diesem Thema nie stattgefunden hat. Ich werde glaube zuerst auf Shoppingtour gehen und vielleicht deine Buchempfehlungen zu Herzen nehmen.

    LG Alessia

    • Hallo Alessia, die Frage nach dem Zeitpunkt sollte man sich vielleicht gar nicht so sehr stellen. Die Fragen kommen ja in der Regel und die sollte man ehrlich beantworten. Die Bücher sind tatsächlich toll, weil sie ehrlich sind und Kinder ernst nehmen. Und alles sagen ohne dass ein Kind überfordert wird. Man kann sie auch schon mit den ganz Kleinen lesen – genauso wie jedes andere Buch. Viel Glück!

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