Mütter

Warum unsere Generation Mütter versagt und wie wir noch die Kurve kriegen

Die heutige Generation Mütter ist unter Beobachtung wie kaum eine davor und unter hohem Leistungsdruck. Von uns hängt schließlich ab ob aus den Kindern etwas wird. In sozialen Netzwerken wird uns verdeutlicht wie Familie aussieht: Fröhlich, zufrieden und unbedingt immer pädagogisch wertvoll geht es unter Netzmüttern scheinbar zu. Wir Rezipienten kriegen Beklemmungen und ein schlechtes Gewissen, wenn zu Hause nicht alles glatt läuft. Dass die Individualität, die jeder Familie eigen ist, bei der Selbstdarstellung auf der Strecke bleibt, bedenken wir nicht. Was nicht ins Raster passt, gibt es nicht. Es kommt einem so vor, als trauten wir uns nicht, unsere Kinder authentisch zu erziehen. „Erziehen heißt mit Kindern leben“ – so sagt man doch. Hört sich an, als sei es gar nicht so schwer und fast von alleine zu schaffen. Die Zahl an Ratgebern, die es auf dem Markt gibt, macht uns glauben, es sei um ein vielfaches schwieriger.

Glückliche Kinder

Dabei geht es unseren Kindern den äußeren Umständen nach zu urteilen so gut wie kaum einer Kindergeneration davor. Es ist gut, dass unsere Kinder anders erzogen werden als zu Urgroßmutters Zeiten. Es ist gut, dass Prügelstrafen, Kinderarbeit, Unterdrückung und Zwang der Vergangenheit angehören. Es ist gut, dass heute genau hingeschaut wird. Kinder leben heute in Deutschland so sicher, wie nie. Sie sollen sich entfalten dürfen, da ist sich die Gesellschaft einig.

Unsere Prämissen als Mütter sind gut. Warum also zweifeln wir Eltern immer noch an uns?

Wir wollen unseren Kindern Urvertrauen geben, doch wie sollen wir das machen, wenn wir nicht einmal uns selbst und unseren Fähigkeiten vertrauen? Wir führen die Beikost genau nach dem Plan verschiedener Ratgeber ein und brauchen Rezeptbücher für Babybreie. Wir vertrauen bei der Frage, wann ein Baby allein einschlafen soll oder wie häufig es gestillt werden muss, eher der Uhr als unserem Gefühl. Wir dokumentieren, lesen nach, zweifeln, suchen nach Antworten. Funktioniert unser Gefühl einfach nicht mehr? Aber warum? Liegt es daran, dass die meisten von uns als Kinder auch schon überbehütet waren und nie gelernt haben, eigene Entscheidungen zu treffen? Oder vielleicht daran, dass wir gar keine eigenen Entscheidungen treffen müssen, weil uns das wunderbare Internet mit seinen zahllosen selbsternannten Experten alle Entscheidungen im vorauseilenden Gehorsam abnimmt? Vermutlich ist es eine Kombination aus beidem.

Wir haben dauernd das Gefühl etwas falsch zu machen und legen unser Schicksal daher lieber in die Hände anderer.

Das geht schon bei der Geburt los. Meine Großmutter hat ihre Kinder bestimmt nicht weniger geliebt, als ich die meinen. Trotzdem hat sie keine Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen gebraucht und auch keine Klinik um sie auf die Welt zu bringen, keinen Wehencocktail und keine PDA. Sie hatte Vertrauen – in sich und in ihren Körper. Versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig und gut, dass es das alles gibt und dass wir es abrufen können. Es geht mir in diesem Fall nicht um den medizinischen Nutzen, sondern um Selbst-Bewusstsein, darum, dass man Verantwortung und Bürden nicht abgeben kann. Und das gilt nicht nur für Schwangerschaft und Geburt, es geht im Alltag mit den Kindern weiter. Wenn wir Mütter uns nicht 100 Prozent regelkonform verhalten, streifen wir das Büßergewand über. Den Eintrag einer besorgten Mutter musste ich mir neulich mehrere Male durchlesen. Sie hatte geschrieben, sie hätten ihrem Sohn etwas Schreckliches angetan. Ich wollte wissen, was es ist. Ich habe mir den Text mehrmals durchgelesen in dem sie darüber berichtete, ihr Sohn habe eine Rolle Klopapier in der Toilette versenkt und sie habe daraufhin entsetzt geschrien, das sei eklig. Das war´s – mehr kommt nicht. Dass uns die Frage umtreibt, ob es einen bleibenden Schaden anrichtet, wenn unsere Kinder hören, dass das, was sie gemacht haben eklig ist oder dass Mama und Papa auch mal schreien, dann beweist das nur, dass wir an der völlig falschen Stelle diskutieren.

Vertrauen und Konstanz

Es ist wichtig und richtig, dass man sich selbst immer wieder hinterfragt, im gerade genannten Beispiel ist es sicher auch wichtig, dass wir uns auch mal entschuldigen, wenn wir etwas falsch gemacht haben – aber wir müssen unseren Kindern auch Sicherheit geben. Dass wir Breikochbücher brauchen und Beikostpläne, damit unsere Kinder nicht vom Fleische fallen, zeigt für mich, wie sehr wir danach lechzen Verantwortung abzugeben. Wir Mütter machen eine Wissenschaft daraus, in welchen Kindergarten unsere Kinder gehen sollen, welches Konzept dort verfolgt wird. Meine Mutter noch hat das ganz pragmatisch gesehen: „Solange die Kinder dort nicht geschlagen werden, ist mir eigentlich wurscht, was die dort machen,“ hat sie gesagt und uns in den nähesten Kindergarten gebracht. Manch einen, der seine Kinder heute in fünfsprachige vegane Einrichtungen schickt wird überrascht sein, dass auch aus unserem Wald- und Wiesenkindergarten Ärzte, Anwälte, Künstler und Unternehmensleiter hervorgegangen sind.

Eltern als Hafen

Die Welt ist riesig und die Möglichkeiten, die unsere Kinder zur Entfaltung haben fast unendlich. Wir können ihnen diese Welt zeigen, aber wir sollten auch Hafen sein – ein fester Rückzügsort, auf den man sich verlassen kann. Jemand, der nicht alles richtig macht, aber der voll und ganz hinter dem steht, was er tut. Der sich zwar Tipps holt, aber nicht von der Hilfe anderer abhängig ist. Bist Du Deinen Kindern so ein Hafen?

1 Gedanke zu “Warum unsere Generation Mütter versagt und wie wir noch die Kurve kriegen

  1. Dieser Beitrag kostet mich einige Tränen😢 (im gutem Sinn). Es vergeht leider kein Tag an dem ich mich nicht frage, wie das unsere Mütter, liebe Omas oder Uromas gemacht haben. Schon beängstigend diese Macht der modernen Welt und Medien. Vielleicht sollen wir anfangen nicht in den Büchern, Internet usw. nach Antworten zu suchen, sondern Mal genau die Ur-Quelle (Mütter und Omis) zu nutzen und mehr, viel mehr in UNS und unser Gefühl vertrauen.
    Mein Status wird jetzt geändert und zum bestehenden „Ich schenk Dir die Welt“ kommt noch „und einen Hafen!“ hinzu.
    Danke für diesen Beitrag.
    LG Alessia

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