“Weicheier” – wie wir nach einem Sturz mit unseren Kindern umgehen. Und wie nicht.

Ich durfte neulich eine Szene miterleben, die ich Dir unbedingt erzählen will. Sie steht beispielhaft dafür, wie vielevon uns täglich mit ihren Kindern sprechen.

Ich habe einen kleinen Jungen beobachtet – nennen wir ihn Paul-, der mit seinen Eltern in der Stadt unterwegs war. Paul ist hüpfend durch die Straße gelaufen. Plötzlich ist er gestolpert und hingefallen. Er hat angefangen zu weinen. Erst hat die Mutter versucht ihn wieder auf die Beine zu stellen. Sie hat gesagt: “Ist doch nichts passiert” und “komm wir gehen weiter”. Doch er hat nicht aufgehört. Er hat einfach weiter geweint. “So ein Weichei” – hat der Vater gesagt und dass das daran liege, dass die Mutter ihn so verhätschelt.

Ach ja?

Wenn Kinder nach dem Hinfallen weinen – was steckt dahinter?

Wenn Kinder hinfallen, ist die erste Reaktion vieler Erwachsener: “Nichts passiert – hat gar nicht weh getan”. Dabei ist das schlichtweg gelogen. Es ist etwas passiert! Ein Kind hat sich weh getan. Wie sehr können wir nicht beurteilen. Schmerzen sind etwas sehr Subjektives. Keiner von uns würde einem Erwachsenen, der sich das Knie aufgeschlagen hat und jammert, dass es ihm weh tut, sagen, dass es in Wahrheit gar nicht weh tue. Warum machen es Eltern bei ihren Kindern also anders?

Warum sagen Eltern “ist doch nichts passiert” zu ihren Kindern?

Ich habe zwei Gründe dafür ausgemacht. Zum Einen wollen Eltern sich damit selbst beruhigen. Viele Eltern haben natürlich Angst, dass ihrem Kind etwas passiert. Und indem sie betonen, dass nichts passiert ist, wollen sie sich selbst sagen: “Keine Panik! Keine Fahrt zur Notaufnahme!”

Und zum Zweiten – und das ist für viele Eltern der besonders wichtige Grund-: Sie haben Angst, dass ihre Kinder Weicheier werden.

Kinder abhärten, damit sie keine Weicheier werden – die überholte Strategie

Der Glaube, dass Kinder Schmerzen schneller wegstecken, wenn wir ihnen einreden, dass sie keine Schmerzen haben, hält sich nachhaltig in den Köpfen. Dabei hat das lediglich zur Folge, dass Kinder lernen Schmerzen zu verleugnen. Wenn ihnen etwas weh tut und Eltern ihnen sagen, dass nichts wehtut, müssen die Kinder in letzter Konsequenz das Gefühl bekommen, dass mit ihnen und ihrem Schmerzempfinden etwas nicht stimmt. Wie soll ein Kind so lernen seine Gefühle einzuordnen?

Das andere Extrem: Kinder “verhätscheln”

Kindern Schmerzen einzureden, die es nicht hat ist genauso schlimm, wie die tatsächlichen Schmerzen zu verleugnen. Aufgeregt wegen Kleinigkeiten zum Arzt zu fahren, das Kind zu betüdeln, wenn schon längst alles wieder gut ist, das Weiterhüpfen verbieten, ihm reflexartig Globuli zu verabreichen: All das macht für mich keinen Sinn. Es zeigt dem Kind nur: Ich halte Dich für schwach!

Kindern Schwäche einzureden ist für mich genauso schlimm, wie ihnen Stärke einzureden. Die Message muss vielmehr lauten: Du bist ok, so wie Du bist!

Warum Kinder weinen, wenn sie hingefallen sind

Na, weil sie sich weh getan haben – so könnte die erste Vermutung sein. Oft ist es aber auch Enttäuschung über den eigenen Fehler. Und auch eine Art Überforderung mit der neuen Situation. Je älter die Kinder werden umso stärker spielt auch rein, dass es ihnen vor anderen peinlich ist. So mein Eindruck. Sie zu trösten finde ich absolut wichtig. Das verweichlicht Kinder nicht, sondern ganz im Gegenteil: Macht sie stark.

Wie kann man ein Kind nach dem Sturz richtig begleiten

Mein erstes Mantra ist immer: Ruhig bleiben. Wenn wir Eltern ruhig sind, beruhigen sich Kinder in der Regel auch schneller. Wir signalisieren damit: Es besteht kein Grund zur Panik und: Wir können in ruhiger Stimmung auch besser einschätzen, wie schwer die Verletzung wirklich ist. Danach sind mir persönlich für meine Kinder drei Messages wichtig: Ich versteh Dich, Deine Gefühle sind richtig und wichtig und: ich bin bei Dir – wir schaffen das gemeinsam.

Konkret bedeutet das:

  • Ich versteh Dich: “Ich bin auch schon mal gestürzt. Das ist wirklich doof!”
  • Deine Gefühle sind richtig und wichtig. –>  “Du wolltest ganz schön hoch hüpfen. Es ist wirklich ärgerlich, wenn das nicht gleich klappt. Und dann tut auch noch das Knie weh.”
  • Wir schaffen das gemeinsam: “Komm wir schauen mal, ob Du schon wieder auftreten kannst.” zum Beispiel oder “soll ich die Wunde mal untersuchen?”

Ich finde es so wichtig, dass Kinder mit ihren Gefühlen ernst genommen werden. Wir als Eltern können unsere Kinder dabei begleiten und ihnen helfen Gefühle zu benennen.

Meine Tochter hat mir einmal das schönste Erlebnis des Jahres geschenkt. An dieses erste Mal voller Empathie, an dem ich gemerkt habe, dass ich als Mutter nicht alles falsch mache, werde ich mich mein Leben lang erinnern. Mein kleiner Sohn hat grade seine ersten Schritte gemacht und fiel hin. Meine Tochter ging zu ihm und sagte: “Komm mein Kleiner. Steh wieder auf und versuch es nochmal. Ich weiß, dass es doof ist hinzufallen. Das ist mir auch schon passiert. Da muss man einfach weitermachen und dann wirst Du es schaffen.” Was dahinter steckt kannst Du in meinem Artikel über unser wirklich hartes Jahr 2016 lesen. Ich habe darüber geschrieben, wie wichtig es ist, die guten Momente festzuhalten. Meine Güte ist das schon lange her.

Wird mein Kind dadurch nicht ein Weichei?

Ganz sicher nicht! Meine Kinder sind jedenfalls keine “Weicheier” geworden. Ganz im Gegenteil. Kinder werden durch eine beziehungsorientierte Begleitung nicht überempfindlich, sondern sie lernen nach und nach zu spüren, was genau passiert ist, wie sie sich dabei fühlen und Konsequenzen zu ziehen. Sie haben es nicht nötig ein großes Drama zu machen, weil sie wissen: wir nehmen sie ernst auch wenn sie nicht hysterisch brüllen. Im ersten Schritt ist dieser beziehungsorientierte Umgang natürlich etwas aufwändiger, als nur zu sagen: “Steh auf, lauf weiter”. Auf lange Sicht aber, werden Kinder dadurch selbständig und unabhängiger. Meine Tochter hat gelernt mit kleinen Schmerzen und Enttäuschungen umzugehen, weil ich ihr dabei zur Seite stand. Sie überprüft, was passiert ist und versucht eine Lösung zu finden – entweder alleine oder sie fordert Unterstützung und Trost ein. Sie hat erfahren, dass Schrammen heilen und dass Schmerzen vergehen. Und sie weiß, dass egal wie arg oder peinlich oder schmerzhaft ihre Verletzung ist, ich sie damit ernst nehme.

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