Mütter der Kulturen: Zu Gast beim Interkulturellen Gespräch unter Müttern

Kinder sind zwischen den verschiedenen Kulturen ja die verbindenden Faktoren. Egal ob syrisch, türkisch, deutsch oder rumänisch. In allen Familien haben Eltern die gleichen Themen. Welches Essen? Wie viele Regeln? Und wie werden die Regeln umgesetzt? Die Antworten auf diese Fragen sind sehr unterschiedlich. Die Vorurteile groß. Also was steckt eigentlich dahinter – wo können wir voneinander lernen und was bedeutet eigentlich Integration in diesem Bereich?

Interkulturelles Frühstück

Ich war beim interkulturellen Frühstück mit rund 20 Frauen verschiedener Kulturen. Die einzelnen Namen will ich nicht nennen und auch nicht wo genau das Frühstück war. Ich will die Beteiligten schützen. Nicht alle wollen genannt werden. Aber ich präsentiere Dir gerne die Essenz aus dem vier Stunden langen Gespräch.

Unterschiede in der Erziehung von Mädchen und Jungs

Ja, die gibt es und an der Unterscheidung zwischen Mädchen und Jungs haben die anwesenden Frauen aus Syrien eigentlich wenig auszusetzen. Jungs spielen draußen, Mädchen bleiben drin bei ihrer Mutter und helfen und unterhalten sich mit den Frauen. Jungs dürfen mehr. Das stellen auch drei Deutsch-Türkinnen fest, die selbst schon in Deutschland geboren wurden, deren Eltern aber in den 70er Jahren aus der Türkei gekommen sind. Sie selbst machen bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder keinen Unterschied mehr zwischen Mädchen und Jungs. “Unsere Familie ist moderner geworden, das ist ganz normal. Wir haben den großen Luxus uns das beste aus zwei Kulturen aussuchen zu können – auch was die Erziehung angeht. Das bedeutet für uns eine große Chance!” erzählt eine von ihnen stolz. Für die syrischen Frauen im Raum ist das noch ziemlich weit weg.

Viele helfen zusammen

Eine syrische Frau erzählt, dass Fehlverhalten der Kinder nach sich zieht, dass Mütter auch andere Frauen in die Erziehung einbeziehen. Sie berichtet davon wie sie ihre Schwester einschaltet, wenn ihr Sohn etwas falsch macht, damit sie mit ihm spricht und zur Vernunft bringt. Ein netter Ansatz, meine ich. Es braucht ein ganzes Dorf um Kinder zu erziehen – das steckt dahinter. Wir als Eltern müssen nicht alles selbst regeln und nach außen hin so tun als sei alles Friede Freude Eierkuchen. Manchmal ist ein ernstes Gespräch mit Oma vielleicht hilfreicher, als dass mit Mama die immer gleichen Gefechte ausgetragen werden. Ich find´s spannend.

Strafen

Das wollte ich wirklich gerne wissen. Eine richtige Antwort habe ich nicht bekommen. Eine der Frauen aus einem arabischen Land sagt, dass schon viel geschimpft wird und dass Kinder Regeln und vor allem auch Kontrolle brauchen. Wie sie die Regeln durchsetzt, da weicht sie aus. Wie weit die Kontrolle geht auch. Ich versteh es irgendwie. Wir kennen uns kaum. Trotzdem hätte mich dieser Punkt interessiert, der aus meiner Sicht gefühlt sehr oft ausgeklammert wird. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich bei diesem Thema so irre sensibel bin. Gewaltfreiheit in der Erziehung ist eine große Errungenschaft. Vielleicht die größte erziehungsspezifische Errungenschaft in den letzten 50 Jahren. Das Thema ist wichtig und auf Dauer muss darüber gesprochen werden. Auch mit den Vätern.

Die Grenzen der Kommunikation

Ich finde es so wichtig, dass wir uns untereinander austauschen. Mütter müssen zusammenhalten und wir sollten uns gegenseitig stützen. Im Gespräch wird aber auch klar: Viele Fragen, die uns umtreiben, werden gar nicht richtig verstanden. Zum Beispiel die nach frühkindlicher Förderung. Für die Frauen ist das offenbar so weit weg. Denn die Antwort war, dass die Kinder natürlich in den Kindergarten gehen. PeKip-Kurse, Babyschwimmen und so weiter – davon hatten sie gar keine Vorstellung.

Auch wollte ich wissen, wie gesund Babyernährung ist. Gesüßte Babykekse, Kuchen für unter Einjährige, das alles ist für uns eher befremdlich. Auch dass einem Baby Kakao gelöffelt wird (dort beim Frühstück so geschehen). Die Antworten der Frauen bezogen sich dann aber auf das Kindergartenalter und den dortigen Süßigkeitenkonsum. Das zeigt mir persönlich vor allem, dass die Denkweise hier dermaßen anders ist, dass wir schon gegenseitig unsere Fragen kaum verstehen. Da ist noch vieles möglich. Mit der Zeit.

Was brauchen wir also und was lerne ich?

Ich lerne, dass es ein weiter Weg ist. Dass alle etwas lernen und dass wir gemeinsam wachsen können. Und ich lerne, dass die Unterschiede zwischen uns wirklich groß sind. Nicht an der Oberflächen, sondern in der Tiefe. Es ist nichts, was man schnell mit ein paar Gesprächen lösen kann. Brücken müssen gebaut werden. Aber Kinder sind der beste Anlass und ein Anknüpfungspunkt um ins Gespräch zu kommen. Wertfrei von beiden Seiten.

Ich habe das Gefühl, dass diese Frauen, genau wie neulich Amira Angst haben ihre Schwächen einzugestehen. Bei uns ist das ja gerade so Trend: Dass wir gegenseitig dazu stehen, dass wir manchmal mit den Kindern überfordert sind, dass wir mit uns selbst unzufrieden sind und dass wir manchmal anders mit unseren Kindern umgehen, als wir es uns wünschen würden. All das habe ich bislang von keiner syrischen Frau gehört.

Die Gründe sind vielschichtig. Viele haben lange trainiert, was sie zu Deutschen sagen – während des Asylverfahrens und auch sonst. Und sie sind unsicher was wir hören wollen. Sie sind es nicht gewohnt über diese Themen zu sprechen. Und vielleicht der wichtigste Grund: Die anwesenden Frauen, die vor Krieg und Terror geflohen sind und aus einer völlig anderen Welt kommen mussten bisher so stark sein, dass für Schwäche einfach kein Platz war. Aber Integration ist ja auch ein langer Prozess. Ein Prozess in dem Vertrauen wachsen muss und in dem man sich erst irgendwann einander öffnet. Ein spannender Prozess. Bei dem wir hoffentlich irgendwann soweit sind, kritisch und selbstkritisch einander zu beleuchten und zu hinterfragen. Erst wenn das geschieht gibt es nicht mehr „wir“ und „die“, sondern nur noch „uns“.

 

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