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So ist das Leben in Syrien wirklich: Eine syrische Mutter erzählt

In Syrien läuft Vieles anders als bei uns in Deutschland. Das wissen wir. Nicht nur während des Krieges, sondern auch sonst und vorher. Wir lesen es in den Zeitungen und wir schauen Nachrichten und Dokumentationen im Fernsehen darüber. Wir haben in unseren Köpfen unser eigenes Bild von männlich dominierten Gesellschaften. Von Kinderehen. Von Unterdrückung. Davon, dass Kinder nicht in die Schule gehen, sondern zur Arbeit geschickt werden. Davon, dass Frauen zu Hause bleiben müssen und Kleidervorschriften einhalten. Wir sehen die Bilder und hören die Zahlen und denken manchmal, dass wir es verstehen. Aber das alles ist in Wahrheit so weit weg. Wir verstehen es in unseren Köpfen. Aber so richtig mit dem Herzen verstehen können wir es wohl nicht.

Meine Interviewpartnerin

Deshalb ist das Reden so wichtig. Das Reden mit Frauen und Männern, die aus Syrien kommen und frei erzählen dürfen. So wie Amira, die in Wahrheit anders heißt und auch etwas anders aussieht. Wir wollen ihr heute ein Gesicht geben, damit wir hier in Deutschland, auf unseren warmen Sofas und in unserer sicheren Umgebung ein Bild vom Leben bekommen, das so ganz anders ist als unseres. Ich treffe Amira Montagmorgen in einem Cafe.

Feste Strukturen in Syrien

Amira ist 30 Jahre alt und hat vier Kinder. Sie war 13 als ihre Eltern sie mit dem 23-jährigen Hamdi verheiratet haben. Sechs Jahre war sie vorher zur Schule gegangen. Dann fing ihr Leben als Ehefrau an. „Ich kann nicht sagen, dass wir eine richtig schlechte Ehe hatten“, sagt Amira heute. „Es war so wie es eben war in Syrien. Ich war zu Hause mit den Kindern – immer. Mein Mann hat 15 Stunden am Tag gearbeitet. Er war Lkw-Fahrer. Wir hatten nicht viele Berührungspunkte.“ Ärger gab es damals kaum. Wenn Hamdi nach Hause kam, schliefen die Kinder längst und die Rolle von Amira war festgelegt. Darüber gab es ohnehin nichts zu diskutieren. Hamdi mischte sich nicht ein, wenn es um die Dinge im Haus ging. Das war nicht sein Bereich. Auch nicht in Erziehungsfragen.

Weibliche Bereiche und eine syrische Mutter

Was die Erziehung angeht hat Amira ohnehin ihren eigenen Kopf. Zum Beispiel wenn es ums Thema Sauberkeit geht. Da ist sie sehr streng. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder schmutzig werden. Das war schon meiner eigenen Mutter früher sehr wichtig,“ sagt sie. Auch die Jungs will sie daher nicht im Sand oder auf der Straße spielen lassen. Nur wenn sie gleich danach unter die Dusche springen macht sie eine Ausnahme. Die meisten anderen Kinder in Syrien dürfen den ganzen Tag auf der Straße spielen. Sie müssen wenig Regeln einhalten. Wenn sie etwas anstellen, wird es sofort in Ordnung gebracht ohne dass es jemand den Eltern sagt. Überhaupt: Viele Eltern interessierten sich weniger für ihre Kinder als sie es in Deutschland erlebt, sagt Amira.

Freiheit und Gewalt

Sie will in vielen Punkten ihre Kinder anders erziehen, als sie es in ihrer Heimat gesehen hat. Ihre Töchter und ihre Söhne habe sie gleich behandelt, sagt sie. Alle vier müssen ein bisschen mithelfen. „In vielen Familien bei uns werden die kleinen Mädchen schon mit zwei Jahren vor das Geschirr gesetzt, damit sie es putzen und schon lernen wie das geht.“ Ein bemerkenswerter Gegensatz zur Freiheit vieler Jungs. Amira selbst wollte ein Stück mehr echte Kindheit für ihre Kinder mit Spielen, mit einfach gemeinsam leben und nicht mit arbeiten. Und nicht mit Gewalt. Sie will keine typische syrische Mutter sein. „Die meisten Kinder in Syrien werden geschlagen. Die Leute meinen, die Kinder würden es nicht anders verstehen.“ Amira sieht das anders. „Ich finde es falsch Kinder zu schlagen.“ Sagt sie klar. Normal sei das in Syrien aber nicht, gibt sie zu. Ob sie Erziehungsratgeber lese oder viel über Erziehung nachdenke, frage ich sie. So richtig versteht sie nicht, was ich damit meine. Nur soviel kann sie entgegnen: Dass ihre Mutter sie auch nicht geschlagen habe. Sie macht vieles so, wie sie es von ihrer Mutter her kennt.

Hochzeit um Versorgung zu sichern

Warum ihre Eltern sie verheiratet hätten an einen 10 Jahre älteren Mann? „Mein Vater ist alt und krank. Meine Eltern wollten uns gut versorgt wissen. Sie sind gute Menschen.“ Und so hat für Amira die Ehe mit Hamdi begonnen.  Hamdi selbst hat acht Schwestern und war damit bald mit für die Versorgung der Familie zuständig. Zwei Jahre ist er in die Schule gegangen, danach musste er arbeiten. An sich herrscht in Syrien Schulpflicht bis zur 6. Klasse. „Aber das wird nicht so genau genommen,“ erinnert sich Amira. „Wenn ein Kind nicht zur Schule kommt, dann wird nach einem Monat mal zuhause nachgefragt, was los ist. Aber wenn er dann nicht mehr kommt, dann kommt er eben nicht mehr.“ So wuchs Amiras späterer Ehemann auf. Das haben beide gemeinsam: Sie mussten viel zu früh erwachsen werden.

Die Ehe und wie die Flucht sie veränderte

Während sie in Syrien lebten, kamen Amira und Hamdi verhältnismäßig gut miteinander zurecht. Keine Gefühle, keine echte Nähe, eine Art Familie aber doch ganz anders als unsere romantische Vorstellung. Beide erfüllten ihre Pflichten. Und dann kam der Krieg und die Angst und die Flucht. In der Türkei waren sie noch zusammen. Doch schon da wurde alles anders. Denn Hamdi durfte nicht arbeiten. Die Kinder dagegen schon. Verkehrte Welt. Bis in die Nachtstunden hinein standen die vier auf dem Markt und verkauften Taschen. Die Eltern saßen in der Nähe und warteten. Amira erinnert sich mit Schrecken an diese Zeit. Mit geliehenem Geld ging es dann weiter. Amira mit den Töchtern zu Fuß. Hamdi kam später mit den Söhnen nach.

Der Bruch

Vereint in Deutschland sollte Ruhe einkehren. Doch das Gegenteil war der Fall. „Ich wollte mich etwas europäischer kleiden. Meine Töchter wollten das Kopftuch ablegen. Wir wollten alleine auf die Straße….“ Doch das hat Hamdi alles nicht erlaubt. Er wollte das Leben zu Hause in Syrien hier in Deutschland fortsetzen. Doch dazu war Amira nicht bereit. Das Kopftuch trägt sie noch immer. Aber einen kurzen Mantel statt dem bodenlangen. Doch Hamdi reichte das nicht. „Ich habe gesehen, welche Chancen und Möglichkeiten und Freiheiten wir Frauen hier in Deutschland haben“, sagt Amira. Und nach Wochen und Monaten der Konflikte, zog sie aus. Mit den Töchtern in ein Frauenhaus.

Ein eigenes Leben in Freiheit

Jetzt will sie ihr eigenes Leben beginnen. Nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie will den Führerschein machen, die deutsche Sprache noch besser erlernen und arbeiten. Jobcenter, Behörden, das alles kennt Amira aus ihrer Heimat nicht. Sie will selbständig sein und auf eigenen Beinen stehen. Das ist es, was Deutschland für sie ausmacht.  „Ich will meinen Kindern alle Möglichkeiten eröffnen. Das ist mein größter Traum. Dafür hat sich alles gelohnt.“

Meine Gedanken zur Integration:

Ich bleibe zurück mit einem Gefühl des etwas mehr Verstehens. Ich verstehe Hamdi. Er hat seit seiner Kindheit für die Frauen in der Familie geschuftet. Dass seine eigene Frau nun sagt sie komme ohne ihn klar, muss schwer sein. Ich verstehe natürlich Amira, dass sie endlich sie selbst sein darf und ihre Freiheiten ausschöpfend endlich die Chance hat glücklich zu sein. Dass sie manchmal mit dieser Freiheit überfordert sein muss – auch das verstehe ich. Vielleicht verstehe ich sogar ein bisschen mehr, warum ich in all den interkulturellen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten geführt habe, immer das Gefühl hatte, es bleibt an der Oberfläche. Aber dazu bald mehr.

Die Reihe wird fortgesetzt. Mit anderen Frauen, anderen Schicksalen und anderen Einstellungen. Denn es gibt nicht die eine richtige Geschichte und den korrekten Blickwinkel. Es gibt so viele Auffassungen wie es Menschen gibt. Es gibt noch viel zu erzählen!

Bis bald!

2 Gedanken zu “So ist das Leben in Syrien wirklich: Eine syrische Mutter erzählt

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