Fragen ans Kind: Welchen Tipp mir eine Pädagogin gegeben hat

Ich finde es wirklich wichtig seine Kinder ernst zu nehmen, sie einzubeziehen, ihnen Fragen zu stellen, mit ihnen zu diskutieren. All das eben. Aber es scheint so, als hätte die Fragerei in letzter Zeit ein bisschen Überhand genommen. Und zwar nicht nur bei mir! “Viele Mütter formulieren ihren Kindern gegenüber dauernd Fragen, obwohl sie eigentlich Aussagen machen wollen”, das hat die Diplom Sozialpädagogin Sandra Klötzer aus dem Kulmbacher Mehrgenerationenhaus beobachtet und mich zum Glück damit auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Konkrete Beispiele für Fragen, die eigentlich keine Fragen sein sollten, sind diese:

  • Wollen wir jetzt mal nach Hause gehen?
  • Machen wir uns jetzt ein leckeres Abendessen?
  • Holen wir jetzt mal Deine Schwester vom Kindergarten ab?

Das “Problem”: Das Kind antwortet

“Wer Fragen stellt muss sich vorher überlegen, wie er mit der Antwort umgeht”, so die Expertin. Und sie hat Recht. Wenn ich zu meinem Kind sage: “Holen wir Deine Schwester vom Kindergarten ab?” und es sagt “nein”. Was mach ich dann? Ist es eine Option zu Hause zu bleiben? Will ich meinem Kind diese Entscheidung wirklich überlassen? Es kann ja noch gar nicht abwägen. Es kennt ja nur sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse.

Rhetorische Fragen und Kleinkinder

Viele Fragen an Kinder werden rein rhetorisch gestellt. Und das ist doch traurig. “Wenn man etwas möchte, dann sollte man diesen Wunsch auch klar formulieren und nicht als Frage verpacken”, so Sandra Klötzer. Von unseren Kindern erwarten wir das doch auch – dass sie formulieren was sie möchten und nicht nur fragen was andere wollen. Wenn Alle gesagt haben was sie wollen, dann kann man sich immer noch einigen. Oder den Konflikt austragen.

Eine Frage stellen und dann den geäußerten Willen nicht ernst nehmen, das find ich ziemlich respektlos dem Kind gegenüber. Ein Kind überreden, wenn man ihm eine Frage gestellt hat…. etwa so: “Ach komm schon, dann kannst Du mit Deiner Schwester spielen”, Oder ” Dann holen wir uns auf dem Weg noch ein Eis.” Oder was auch immer. Wir wollen damit ein Wir-Gefühl und ein gemeinsames Erleben schaffen. Aber im Endeffekt – überspitzt ausgedrückt – zwingen wir damit unseren Kindern unseren Willen auf und reden ihm ein sein Wille sei falsch. Und noch etwas:

Überforderung der Kinder

Wie soll ein Kind eine Antwort auf eine Frage geben, die in ihrer Komplexität den Horizont des Kindes überschreitet? Wird es mit Fragen, deren Tragweite es noch nicht versteht, nicht vielmehr dazu gedrängt einfach irgendetwas zu sagen? “Viele Eltern haben Angst vor dem Konflikt – im Endeffekt ist es aber so, dass Kinder mit den vielen Fragen schlicht überfordert sind”, so Klötzer. Und dann bleibt keine Energie mehr für die Fragen, die sie wirklich betreffen.

Das gilt für die Frage nach dem Abholen der Schwester. Das ist eindeutig eine Frage, die ein Kind nicht beantworten kann. Ihm wird eine Antwort abverlangt, deren Folgen es zu überblicken nicht im Stande ist. Der Kindergarten macht vielleicht zu, seine Schwester möchte abgeholt werden oder was auch sonst. Das ist keine Frage. Das ist eine Aussage. “Wir holen Deine Schwester vom Kindergarten ab.” Eigentlich sollte man sogar noch einige Minuten früher ansetzen. Egal ob beim heimgehen oder beim weggehen oder wann auch immer: “Du kannst das noch zu Ende spielen. Aber in ein paar Minuten fahren wir los, um Deine Schwester abzuholen.” Zum Beispiel. Dann kann das Kind immer noch sagen, dass es nicht will. Das ist sein gutes Recht. Aber ich als Mutter habe meinen Standpunkt auch klar gemacht. Und dann kann man diskutieren, sich durchsetzen oder was auch immer. Da hat ja jeder so seine eigenen Vorstellungen von der Menge an Autorität, die richtig ist. Da will ich mich gar nicht einmischen. Aber es bleibt: Das Kind lernt, dass es unterschiedliche Ansichten auf einer Ebene gibt. Und das ist doch wertvoll.

Fragen bleibt mir wichtig!

Ja, ich finde es auch weiterhin wichtig, seine Kinder viel zu fragen. Aber ich bemühe mich nun (noch mehr) die richtigen Fragen zu stellen und vor allem sie nur dann zu stellen, wenn ich wirklich etwas wissen möchte. Und ich will noch mehr darauf achten, dass es ehrliche Optionen gibt, statt nur geheuchelter. Denn diese Ehrlichkeit bin ich meinem Kind schuldig. Nur wenn ich ehrlich bin nehme ich mein Kind auch ernst.

Die Tipps der Expertin zusammengefasst:

  • Frag Dein Kind nur dann, wenn es wirklich eine Option hat. Zum Beispiel: “Wir gehen gleich nach Hause. Möchtest Du Deine Jacke selbst anziehen oder soll ich Dir helfen?” oder auch “Wir holen jetzt Deine Schwester ab. Möchtest Du, dass wir das Laufrad nehmen oder willst Du zu Fuß gehen?”
  • Stell Fragen nur, wenn Dein Kind die Optionen versteht: Lies ihm also nicht die ganze Speisekarte vor, sondern gibt ihm zwei oder drei Auswahlmöglichkeiten.
  • Trau Dich Deinen Willen kund zu tun und sei Dir nicht zu schade für Kompromisse. Nur so kann Dein Kind lernen unterschiedliche Meinungen abzuwägen.
  • Und nicht zuletzt: Stell Deinem Kind nur Fragen, die es wirklich betreffen. Alles andere stiehlt nur wichtige Ressourcen.

 

11 Gedanken zu “Fragen ans Kind: Welchen Tipp mir eine Pädagogin gegeben hat

  1. Danke! Ich beobachte das so häufig, gerade bei gut ausgebildeten, belesenen Eltern. Standardfrage auf dem Spielplatz: Wollen wir jetzt nach Hause gehen? Kind dann so: Nööö, wieso??? Auch beliebt bei Erwachsenen und komplett verwirrend für Kinder ( und auch für pragmatische Erwachsene) die höfliche Magst-du-mal-Frage. Magst du mir deinen Schnuller geben, deine Hausschuhe anziehen , etc. ? Nö mag ich nicht. So. Was machst du jetzt? Ich habe das Gefühl, dass viele Eltern tasächlich Angst vor klaren Ansagen haben, weil sie sich dann positionieren und auch klar auseinandersetzen müssen. Bei schwammigen Fragen besteht die Hoffnung , dass das Kind dann freudig mit “Ja!!” antwortet und man selbst nett, locker und freundschaftlich aus der Nummer rauskommt. Funktioniert leider dann nur nicht im Alltag.

    Viele Grüße, Alicia

  2. Sie sprechen mir aus der Seele.Ich arbeite mit Familien in der Erziehungsberatung und möchte in hunderten Situationen im Alltag aus der Haut fahren,z.b. wenn die Mutter im Supermarkt ihren 3 jährigen fragt, was “wir“denn zum Abendessen wollen. Und sich dann über den anständigen Wutanfall, weil Nutella auf Doppelschokokeks nicht geht, wundert.
    Ich habe das Empfinden, das diese Generation der Eltern ihren kompletten Erziehungsauftrag einfach auf die Kinder übertragen hat und sich weigert die Verantwortung zu übernehmen, unter dem Deckmantel der “demokratischen Erziehung“. Und die völlig überforderten Kinder, die Entscheidungen über Abendessen und und treffen müssen, landen dann bei uns als “Problemkinder“, spätestens wenn sie im System Kita oder Schule plötzlich an jemanden geraten, der ihnen diese Verantwortung abnimmt, weil er sie selber tragen kann. Liebe Eltern, nehmt den Kindern diese Last von den Schultern und lasst Kinder wieder Kinder sein. Das beginnt damit, das sie essen was auf den Tisch kommt, ohne Debatte, so wie im Kindergarten oder in der Schule.

    • Weitestgehend stimme ich Ihnen zu, allerdings gehen mir Ihre Schlussfolgerungen dann doch zu weit in eine andere Richtung. Dass “…sie essen, was auf den Tisch kommt, ohne Debatte…” ist lediglich das Gegenteil Ihres am Anfang geschilderten Sachverhaltes. Ihr Kind möchte ich in dem Zusammenhang lieber nicht sein. Auch hier liegt der Königsweg wohl eher in der Mitte.

      • Diesen Einwand kann ich jetzt gar nicht verstehen. Es geht in dem Artikel nicht darum, dass man dem Kind keine Fragen stellt, sondern dass man ihm nur Fragen stellen sollte, deren Antwort man dann auch bereit ist, ernst zu nehmen. Ich finde Kinder sollten sehr wohl selbst entscheiden dürfen was sie essen, aber zu viele Optionen (vor allem bei kleineren Kindern) können sie überfordern.

        Kinder und ihre Meinung und ihren Willen ernst zu nehmen, hat bei mir eine sehr hohe Priorität. Genau deshalb stelle ich nicht zu viele Fragen – sondern die passenden. Das ist für mich genau der Königsweg in der Mitte. Deshalb kann ich nur wiederholen: Ich verstehe den Einwand nicht.

          • Ah jetzt gecheckt. Danke für die Erklärung. Dann ja, das sehe ich auch so. Bei mir dürfen die Kinder immer als Alternative Butterbrot essen. Es gibt ja wirklich manche Sachen, die schmecken einem einfach nicht. Ich erinnere mich mit Graus an die Kartoffelrolle aus meiner Kindheit. Den Geschmack hab ich immer noch im Mund und da schüttelt es mich.

  3. Ein toller und sehr aufschlussreicher Artikel! Hab mich tatsächlich ein wenig ertappt gefühlt, denn manche Fragen, die ich stelle, sind wirklich rein rhetorisch. Ich war mir über die Tragweite dessen, was sie beim Kind bewirken können, gar nicht bewusst. Auch, wenn rhetorische Fragen nicht die Regel sind, werde ich in Zukunft genauer darauf achten, wann ich was frage.
    Liebe Grüße
    Linda

Schreibe einen Kommentar